Das ist die Liebe der Prälaten

Norberts Reise ins Wunderland.

Teil 2 einer Expedition in die charmante Welt des Päpstlichen Ehrenprälaten Berthold Lutz

Süßer Mai, in deinen Kelchen

Küssen fromme Bienen sich …

Clemens Brentano: „Am Sophientag“


Erst der tiefsten Liebe soll

Eines Nachts mein Kelch sich weiten,

Und der keuschen Seligkeiten

Bin ich dann zum Rande voll

Gerda Maria Koch: „Mädchenlied”

Nachdem wir Kaplan Lutzens Erstling Die leuchtende Straße literaturgeschlechtlich einsortiert haben, sei kurz der Inhalt  referiert. Dieser paßt, trotz aller Turbulenzen, in ein einfaches Satzgefüge. Kaum hat er sich an die Gruppe herangepirscht, wird Norbert ergriffen, gefesselt und wieder befreit.

Ein Plot, der wohl nicht zufällig an Winnetou I erinnert.

„`Gehen wir ein wenig spazieren?`schlug der Kaplan vor, nachdem er Norbert die Fesseln gelöst hatte.“ Auf diesem Spaziergang vertieft sich Schritt für Schritt, was später am Lagerfeuer Gewißheit werden soll: das Gefühl, etwas Schönem entgegenzusteuern. „Das Schönste“, ja, das „Allerfeinste“ wartet auf Norbert – dort hinten, am Ende der Straße. (Jahre später wird Lutz sein zweites Mädchenbuch Briefe an Ursula in Noch viel schöner, Ursula! umbenennen.)

Norbert und Ursula, so drückt es Adalbert Stifter in seiner Pubertätsstudie Der Hochwald aus, sind „wie Mitspieler in ein buntes Märchen gezogen, alles neu, alles fremd, alles seltsam und dräuend“. Und so reihen sich die beiden – im Hochwald heißen sie Ronald und Klarissa – strahlend ein in das große Heer der Pubertanten, das, hier wie dort, die leuchtende Straße hinaufzieht, und mit ihnen der willige Leser. Eine Straße, die übrigens nichts mit dem Leuchtenden Pfad des Pol-Pot-Schülers Abimael Guzmán zu tun hat …

„Der Liebe Reich ist aufgetan,
Die Fabel fängt zu spinnen an …“

„Die Glocke läutete den Abend-Angelus über das Dorf. Die letzten Wagen rollten von den Feldern heimwärts.“ Das ist die Stunde, in der der Kaplan wie jeden Abend das Lagerfeuer entzündet. Atemlos lauscht Norbert der großen Freiluftpredigt, die heute „Das Märchen vom Storch“ zum Thema hat und die der junge Priester „mit gegrätschten Beinen“ hält – einen gut aufgepumpten Ball, noch vom gemeinsamen Handballspiel her, malerisch dazwischengeklemmt.

Es kommt, wie´s kommen muß: Daß „der Schwarze“ mit heißer Ware handelt, spricht sich  schnell herum … Am Waldrand schlafen die Zelte. Und als der Kaplan noch einmal durchs Lager schreitet, um „segnend das Kreuzzeichen über die Buben“ zu machen, wächst ein Schatten aus der Erde. Es ist Norberts Freund Josef.

„Da hab ich nun dauernd so – häßliche Gedanken – ach, ich kenn` mich wirklich selbst nicht mehr aus!“, flüstert der Schatten, und der Leser – konsterniert über die freimütige Art der Anbahnung – ist froh, Josefs Kopf nicht leuchten zu sehen, so suggestiv gerät dem Autor die Szene. Doch der junge Priester reagiert trotz der späten Stunde scharmant: „Ich weiß nicht, ob Du schon einmal in einem Weinkeller warst? Ja? Da hast Du dann sicher gehört, wie der Traubensaft, der ein guter Wein werden will, brodelt und gärt und rumort. Und wenn so ein Faß aus Glas wäre und Du hineinsehen könntest, da würdest Du vor dieser trüben Brühe erschrecken und denken: Das wird doch nimmermehr ein heller, kristallklarer Wein! So eine Zeit der Gärung“, raunt der Priester, „kommt auch im Leben jedes Menschen vor. Man nennt sie die Reifezeit.“

Während der Kaplan „ein neues Scheit in die Glut“ legt, schnauft „der Bub einmal ganz tief auf“. „Dann ist ja alles viel leichter!“, haucht er; und nun wird sie aufgeklappt, „die schönste Seite im Buch vom Geheimnis des Lebens“.

„Für einen edel gearteten Jüngling“, notiert Arno Schmidt im selben Jahr, in dem sich Berthold Lutz an die Niederschrift der Leuchtenden Straße macht, „gibt es ja zunächst gar nichts Widerlicheres als die Vorstellung der Manipulationen, unter welchen man Vater zu werden pflegt“. „Ja, wenn man Spinnenaugen hat“, lächelt Lutz, „dann schaut man das Schönste mit gemeinen Blicken an; und vom Allerfeinsten spricht man unter schmutzigem Lachen.“ Und schon schüttet er vor unseren Augen seine Wundertüte aus – in der wir ein wenig kramen wollen, auch wenn dabei Präsens und Präteritum durcheinanderpurzeln.

Hier – in Briefe an Ursula – trippelt ein Kohlweißling „in zierlichem Tanzschritt über das gelbe Parkett der dichtgewachsenen Staubgefäße und Stempel“. „Nicht viel weiter“ – in Die Leuchtenden Straße – „stemmte sich keck ein frischgrüner Stengel hoch. Aus einer Eichel, halb so groß wie ein kleiner Finger, sproßte er auf. Später, so träumte er heute wohl schon, würde er einmal ein riesengroßer Eichbaum sein, der höchste im ganzen Wald.“ So wie neun von zehn Theologiestudenten – angeblich – davon träumen, später einmal den Längsten der ganzen Gemeinde zu haben …

Und während unser Kohlweißling „bis auf den Kelchgrund nach dem letzten Tropfen süßer Nahrung“ taucht, wobei „sein überschlanker Rüssel“ lustig trompetet, legen sich anderswo – in der vierten Maiausgabe jener eingangs erwähnten, von Lutz redigierten Knabenzeitschrift – „die langen zipfeligen Kastanienblätter“ zusammen: „wie betende Hände“, denn im raschelnden Laub der alten Kastanie will sich „das große Geheimnis“ vollziehen.

„Schau!“, schwärmt Lutz, als sich zwei Herren – aus der Froschperspektive betrachtet – über einen jungen Eichtrieb beugen, „da kommen wir mit all unserer Gelehrsamkeit nicht mehr mit, wie es denn möglich ist, daß in dieser winzigen Eichel Kräfte schlummern, die später den gewaltigen Baum hochwachsen lassen“.

„In kleine Samen hat er all die Kräfte hineingelegt, die nötig sind, wenn ein neues Menschenkindlein daraus wachsen soll.“ So beginnt ein Passus, der sich in fast allen Lutz-Texten findet, jedenfalls denen der ersten Periode, die etwa bis 1953 reicht. „So ein Same darf natürlich nicht in eine billige Tonscherbe oder in eine Blumenkiste versenkt werden; das siehst Du schon ein! Gott hat in seiner Liebe ein Versteck für ihn ausfindig gemacht, wie es kein schöneres gibt auf der Welt.“

Das klingt dunkel wie ein Rätsel – ginge nicht neun Monate später die Reise „durch einen ganz engen Gang“ ans Licht. „Da hat Gott wiederum ein Wunderwerk getan. In der Brust der Mutter hat er um diese Zeit die Muttermilch heranwachsen lassen, die so fein zusammengesetzt ist, daß sie von keiner andern Speise ersetzt werden kann.“

In Lutz` zweitem Märchenbuch, dem ersten für Mädchen, ist es „ein kleiner, golden schimmernder Same“, der die heimliche Heldenrolle spielt – im Rahmen eines roh in die Handlung eingefügten Weihnachtsspiels, vollgestopft mit Raben, Schmetterlingen und Schnecken, in die sich die Insassinnen eines namenlosen, schwer mit Eiszapfen behängten Mädchenpensionats verwandelt haben.

Das heimliche Königreich – damit wären wir bei jenem Handbuch angelangt, das Lutz dem weiblichen Leser 1951 als Einschlafhilfe vorlegt. Ein Service, zu dem er in der Folge immer wieder Muße finden wird. So stellt er den vier Frechdachs-Büchern, die er zwischen 1953 und 1957 vollendet, drei Wirbelwind-Büchlein zur Seite, und seinem „Priesterbuch für junge Menschen“, dem großformatigen Wagnis und Gnade, läßt er unter dem herbsüßen Titel Herrin und Mutter ein „Marienbuch für junge Menschen“ folgen.

Ruckzuck ist die Backe dick!

„Unter den silbernen Helm / Zwäng` deine junge Stirn! / Reiß das Schwert aus der Scheide, / Dulde kein häßliches Wort!“ Oder: „Wenn der Drache der Gemeinheit den Kopf heben will, hau ihm den Kopf ab!“ Was vom Tonfall an Sir Oblong-Fitz-Oblong und Lukas den Lokomotivführer erinnert, ist echter Lutz. „Jawohl“, heißt es in Frechdachs lernt Anstand, „hier wird geboxt und zugeschlagen, wenn uns ein Teufel unsre Freude rauben will!“

Wo immer zwei oder drei Buben die Köpfe zusammenstecken, erkennt Waltraud, die Heldin des Heimlichen Königreichs, bereits am Kichern, ob es „etwas Gemeines“ ist. Dann heißt es: Ärmel aufkrempeln, zupacken, draufhauen!

„Als der andere nochmals einen schmutzigen Witz zu machen versuchte, traf ihn ein Faustschlag“, lesen wir im zehnten Kapitel, wobei es leider nicht Waltraud ist, die zuschlägt, sondern einer jener feinen Frechdachse, denen Lutz in seiner 800seitigen Frechdachs-Tetralogie ein Denkmal setzt. (Ein Werk, das mit Danksagungen, gestaffelt nach der Anzahl der Ohrfeigen, die der angeblich 14jährige Verfasser vom Lehrer, Gruppenführer usw. empfangen hat, beginnt.)

„Manchmal hilft ein sauber gelandeter Kinnhaken mehr als die schönste Predigt“, lehrt Alfons Ruß in Die Steine der kommenden Zeit. „Wenn Dir jemand gemein kommt, um Dich zum Absturz zu bringen, dann hau` ruhig zu!“ empfiehlt auch Lutz, „ob er es tut, weil er`s selber nicht besser weiß oder weil er nicht leiden kann, daß Dein Flug gut und sauber bleibt, ist gleich“. Ruckzuck ist die Backe dick, und wer sich fragt, was die windige Symbolik soll: Die verdankt sich der Teilnahme des Verfassers an einer Veranstaltung, die als Zweiter Weltkrieg in die Geschichtsbücher einging.

„Im vergangenen Krieg flog ich einmal im Osten, und meine Maschine hatte vier schwere Bomben in den Schächten hängen“, erinnert sich der junge Priester in Noch viel schöner, Ursula!, seinem „Jungmädchenbuch von den Triebkräften des Lebens“. Doch kaum wird´s spannend, bricht die Erzählung auch schon wieder ab. Ob es dem Vogel gelungen ist, im Osten seine Eier abzulegen? Lutz verrät es uns nicht. Vielleicht hat er´s auch, nach Dichterart, längst vergessen.

Das erotische Fliegertagebuch

Denn nicht um Prahlerei geht es dem Autor, sondern um das „Wunder des Werdens“. Und da das kleine Wissensgebiet mit seinen Kelchen und Stengeln schnell durchstreift ist, läßt der spätere Ehrenprälat, der zwischen 1942 und 1945 als Flieger reüssiert, zwischendurch gern den Motor an.

So zaubert Norberts Freund Josef nach der Nacht am Feuer immer wieder jenes „Bündel leicht angegilbter Schreibmaschinenblätter“ hervor, das ihm „der Schwarze“, die (wie wir noch sehen werden) mehrfach gespaltene Priestergestalt der Leuchtenden Straße, in einem „steifen Umschlag“ zugeschickt hat („Josef hatte noch nie einen Brief bekommen … Es war der erste! Und gleich so ein dicker!“): das Fliegertagebuch eines guten Freundes, dem Kaplan unendlich kostbar, „weil die Unterschrift, die er daruntersetzte, das eigene Leben war“.

Autor: Wenzel Storch

Erschienen in „konkret“ 8/2010

Fortsetzung folgt:

Auch der Freund des Kaplans ist ein Fan der Geschlechtskraft.

Und: Das Meisterwerk Peter legt die Latte höher erscheint.

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