Beat-Club I: Rutschpartie ins Goldene Zeitalter

Eine DVD-Edition des legendären „Beat-Club“ unternimmt eine 60stündige Expedition ins Reich der Haarmenschen: Teil 1

Jede Laus weiß, daß es sich auf einer Glatze gefährlicher lebt
als auf dem Haupte eines Langhaarigen.

Hans Paetsch, „Sommer der Liebe“

War der verbreitetste Berufswunsch des 18. Jahrhunderts noch Nachtwächter, Blasebalgtreter oder Perücken-Baumeister, mußte es 200 Jahre später Hilfsscheriff, Mittelstürmer oder Leadgitarrist sein. Schuld daran war, neben „Spiel ohne Grenzen“ und „Rauchende Colts“,  der „Beat-Club“. „Von ihm“, um mit einem Puschkin-Satz zu beginnen, „beabsichtige ich jetzt mit den geneigten Lesern zu plaudern.“

Mitte 1965 treffen sich der Trompeter Michael „Mike“ Leckebusch und der Sexualforscher Ernest Bornemann „zu einer konstituierenden Sitzung im Bremer Parkhotel“ – wenn wir Gerd Augustin glauben wollen, einem umschwärmten „Plattenreiter“, der als Dritter mit im Bunde gewesen sein will. Man träumt von einer Servicesendung für junge Leute, einer Schau, die man in einer schummrigen Tanzdiele ansiedeln will. Als Blickfang und Attraktion soll ein Podium dienen, auf dem verschiedene Instrumente aufgebaut sind, darunter – „weil Donner und Knall das Herz des Mannes erfrischt“, wie schon Baron Schnuck-Muckelig in Immermanns Münchhausen postuliert – ein Schlagwerk.

Wenn das schwere Gerät auch augenscheinlich für die Herrenwelt bereitsteht, gleich am ersten Tag – man schreibt den 25. September 1965 – verirren sich vier Backfische aus Liverpool in die neue Tanzdiele. „Das niedrig  gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht“ (Schopenhauer) erklettert das Podium und macht sich neugierig über die Elektrogeräte, aus denen sich fingerdicke Kabel ringeln, her. Während die vier Liverbirds, die sich bereits auf der Reeperbahn einen Namen gemacht haben, ihre Hausfrauenmusik – ihr Opener heißt „Peanut Butter“ – anstimmen, geht es rund um das Podium kaum weniger hausbacken zu.

Wer ein Gewühl aus umgekippten Saftgläsern, zerrissenen Kleidungsstücken und durch die Luft fliegenden Salzstangen erwartet hatte, sah sich getäuscht. Weil der Garagenschuppen, in dem die Sause stattfand, aus feuerpolizeilichen Gründen für den Publikumsverkehr verriegelt war, mußten die jungen Leute, die als Staffage dienen sollten, mit Coca Cola herbeigelockt werden.

Bald schon strömten einmal im Monat Stifte und Pennäler, die auf den umliegenden Gymnasien ihr Abitur bauten, mit ihren Bräuten herbei, um sich – etwas Besseres als der Tod  findet sich überall – als Statisten bei Radio Bremen zu verdingen. Die Gage: ein Fläschchen Cola und zwei Wiener Würstchen.

Damals hatte jeder Auszubildende eine feste Braut, und fleißige Oberschüler hatten sogar zwei. Schuld daran war die „Bravo“, „Europas größte Jugendzeitschrift“: „Im Vertrauen gesagt, ich habe gleich mehrere feste Bräute“, hatte Keith Richard, der scheue Gitarrist der Rolling Stones, im April `66 geprahlt und mit seinen losen Bemerkungen („Manchmal schlage ich meine Bräute die ganze Nacht hindurch – auf alle zwölf Saiten!“) eine Lawine losgetreten.

Auch die Allianz mit einem Beatle war laut „Bravo“ kein Zuckerschlecken: „Das erste Gebot aller Beatles-Frauen hieß: Schnauze halten“, hatte das Fachblatt in seiner Serie „Wir sagen YEAH zur Ehe“ enthüllt, und: „Cynthia war die erste Frau, die feststellte, daß mit einem Beatle verheiratet zu sein etwas ganz anderes ist, als mit einem Steuerprüfer oder Oberförster.“

Doch zurück zum Thema. Moderiert wurde die Schau von einer Heimatvertriebenen, bezaubernd wie Jeannie und begabt mit einer Stimme, die „wohllautend und kräftig“ war. „Sie hatte etwas von jenem bestimmten und zugleich milden Klange an sich, den man beim Kirchengeläut an der Alt- oder Mittelglocke zu beobachten pflegt.“

Dieser Satz stammt nicht, wie man meinen könnte, aus einer zeitgenössischen „Hörzu“-Kritik, sondern aus Ardistan und Dschinnistan, einer Fantasyklamotte von Karl May. May, der sich spätestens ab 1901 für einen Seher hielt, hatte, als er diese Worte niederschrieb, die Königin der „Haarmenschen“ im Sinn: eine Amazone namens Taldscha. Dabei hätte er seinen Röntgenblick bloß in die Zukunft und auf eine Fernsehzeitschrift der späten sechziger Jahre lenken brauchen. Dann wäre ihm gedämmert, wer die wirkliche Herrin der Haarmenschen war: Ursula Nerke aus Komotau im Sudetengau.

Nerke, deren Lebenslauf, zumindest auf www.uschinerke.de, mit einer Vertreibung beginnt –  1946 ist sie zwölf Monate und ein paar Zerquetschte alt –, regiert ab Mitte der Sechziger ein Reich, in dem es auffallend undeutsch zugeht. (Anders als im Vogelpark Walsrode, in dem die merkwürdigsten Tropenvögel herumspazieren, darunter, ich habe sie neulich selbst  gefüttert, eine Sorte mit schwarzrotgoldenen Schnäbeln.) Zwar stellen sich zur Premierenfeier – genauer: „zur Eröffnung unserer neuen Sendereihe `Halbstark`“, wie sich Co-Ansager Gerd Augustin beim ersten Mal verhaspelt – vier angebliche Yankees ein, um in Wildwestkostümen ihr „Halbstark“ („Halbstark, o Baby, baby, halbstark“) zum Vortrag zu bringen, aber damit hat es sich auch. Deutsch darf fortan noch gesprochen, aber nicht mehr gesungen werden.

Ab Anfang 1967 bleibt der Club für auf deutschem Boden entbundene Interpreten gesperrt. Extrawürste werden, wenn ich mich nicht verzählt habe, lediglich für Klaus Voormann, Marion Maerz und Joachim Krauledat  gebraten. So darf der Ostpreuße Krauledat im Juni `69, hinter einer schwarzen Sonnenbrille verborgen, sein „Born To Be Wild“ vorstellen. Doch im Oktober `70 wird der antideutsche Schlagbaum überraschend wieder hochgekurbelt, und mit Amon Düül II zieht nach über vierzig Monaten die erste deutschblütige Band ins Bremer Studio ein.

„Bei allen Stars, die durch die Studiotür gegangen sind, war kein Blödmann dabei“, entnehmen wir dem wirren Vorwort, das die drei Booklets zur jüngst erschienenen „Beat-Club“-Edition einleitet, die, mit einer Laufzeit von über 60 Stunden, alle 83 Sendungen auf 24 DVDs versammelt. Gekürzt lediglich um ein paar unwichtige Beatles-Filme, deren Rechte irgendwo, jedenfalls nicht bei der ARD liegen, die diese wunderschöne Edition erstaunlicherweise verantwortet.

Wen immer Unterhaltungsredakteur Jörg Sonntag – der auf Eins Festival eine „Beat-Club“-Gedächtnisshow moderiert – mit seiner Formulierung „kein Blödmann“ genau meint: Theorien dieser Art kann nur aufstellen, wer schwer verkatert oder sonstwie nicht bei Trost ist – angesichts einer wahren Armada von Blödmännern, die beim „Beat-Club“ ein- und ausmarschierten.

Am Anfang war die Sendung nichts als ein Tummelplatz für diverse Lords und Rattles. Die Lords waren fünf schwule Figaros, die im Takt das Beinkleid hoben, während die Rattles ein Projekt des Dichters Achim Reichel waren. („Girls, die mich sehen, stammeln: / `Bitte, Achim, flirten, gammeln!`“, heißt es in einem Reichel-Gedicht aus dem Jahre 1966.) Erst in der sechsten „Beat-Club“-Sendung treten – in Gestalt der Spencer Davis Group – echte Musiker auf. Von nun an – der Spencer Davis Group folgten die Pretty Things, diesen „die Huh“ (Nerke) und diesen wiederum die Monks – ging`s bergauf; und auch der Rocksaum der Moderatorin „kletterte“, wie Nerke sich gerne erinnert, „höher und höher“.

Wenn man Ursula heißt, hat man die Qual der Wahl: Läßt man sich Ursel, Ulla oder Uschi rufen? Nerke, die sich in ihrer Lebensbeichte (40 Jahre mein Beat-Club), in der noch schöne alte Worte wie „Heiabett“ vorkommen, neutral „Nerke“ nennt („Das Volk tobte vor Begeisterung – und Nerke natürlich mit …“), suchte sich Uschi aus, und das war wohlgetan. Denn dieser Kosename sollte Jahre später perfekt zum Spitznamen ihres zweiten Gatten passen: 1988 heiratete sie – ein bißchen Klatsch muß sein – einen Textilkaufmann aus Seevetal, der sich, wenn man Gerüchten aus dem Landkreis Harburg glauben will, am liebsten mit dem Taufnamen eines berühmten Schildnöcks ansprechen läßt: Uschaurischuum Nerke.

Januar 1967: Zu “Land Of 1000 Dances” marschieren die „Beat-Club-Go-Go-Girls” ein, vorneweg Sandy Sarjeant, ein laszives Totenkopfgesicht. Nicht nur „Quick“-Leser reiben sich verdutzt die Augen: Es ist, als wären Mieze Moll und Lori Zontal, Silvana Busonia und Olga Kokottkaja, Linda Knips und Daisy Spitz – Nick-Knatterton-Freunden als die „Allein-Erbin der berühmten Spitz-Millionen“ (vgl. „Quick“ 51/1953) bekannt – zum Leben erwacht.

Bitterböse Post trudelte ein. „Die Weiber“, so schrieben „vier junge, modern denkende Mädchen“, sähen „grausam aus“, und es sei zu bezweifeln, ob sie „überhaupt einen Büstenhalter“ anhätten. Büstenhalter hin, Büstenhalter her, die Weiber tanzten jedenfalls, als hätten sie Tonbandgeräte im Busen – „für Senkrecht- und Waagerechtbetrieb“, wie sie die großen Versandhäuser längst im Angebot hatten.

Mit den Go-Go-Girls stürmten auch die ersten „Zulus und Lulus“ (W. Raabe) in den Club. Als erster entblößte Percy Sledge sein Gebiß. Am 25. Februar 1967 sang er sein wundervolles „Warm And Tender Love“, und während die Kameras in obszönen, fast pornographischen Großaufnahmen schwelgten und ungehörig lange auf Sledges Zahnlücke verharrten – die es, nebenbei, spielend mit den schönsten Zahnlücken der Welt aufnehmen konnte – machten sich quer übern Hof, bei Bärbel in der Maske, schon mal die Equals fein.

Wer sich als fahrender Musikant ins ehemalige Reich der Rassenschande wagt, sollte seine Mundorgel dabeihaben. Das war den Equals, die der Schöpfer abwechselnd schwarz und weiß  gefärbt hatte, klar wie Kloßbrühe, und so wurden sie mit Liedern, die zwischen „Der Globus quietscht und eiert“ und „Wer hat die Kokosnuß geklaut?“ changieren, bald Dauergäste im Club. Einmal brachten sie sogar ein selbstgedrehtes Filmchen mit, das in Väter-der-Klamotte-Manier demonstriert, wie aufregend ist, wenn knüppelnde Polizisten hinter einem herlaufen.

„Ein `Wilder`“, kann man am 3. April 1967 im Branchenblatt „ok“ lesen, „lehrte die großen Beater das Gruseln“, und eine Bildunterschrift verrät: „Er geht mit Gitarren um wie ein wilder Orang-Utan mit einem neuen Spielzeug.“ Die Rede ist von James Marshall Hendrix. Einem Halbindianer, dem es 1967 mit ein paar  Handgriffen geglückt war, das deutsche Volk zu verhexen – dank seiner Experience. Nach der Sendung vom 11. März 1967 ist klar: Niemand verwöhnt seine Gitarren so wie er. Schamlos berührt er sie an den empfindlichsten Stellen, und während die Finger am Steg spielen, nähert sich die Zunge dem Schalloch. Wenig später steht das im Raum, was Klaus Theweleit und Rainer Höltschl den „dritten Körper“ nennen.

Hendrix beherrschte das Einfache, das schwer zu machen ist. Doch was half`s? Vier Jahre später schlief er bereits im Herrn. Fortan mußte der „Beat-Club“ auf Wundergitarristen verzichten, bzw. mit Gitarrenhexern aus der zweiten Reihe vorlieb nehmen – mit Gestalten wie Jeff Beck oder Johnny Winter. Winter war, wie Eric Clapton, ein veritabler Gitarrenhexer, daneben – wie der Wundergitarrist J. M. Hendrix – ein Ritter der Nadel, sowie außerdem ein Leidensgenosse von Assessor Doktor Unverdorben.

Ähnlich der Schießbudenfigur aus Fontanes Försterroman (Quitt, 1890) gelang es Winter, sich „eine gegen ihn gerichtete Laune der Natur“ dienstbar zu machen und diese sogar zum Markenzeichen zu erheben. Der Vater des elektrischen Albinismus war, wie Unverdorben, als Knabe ausgiebig gehänselt und als „weißes Kaninchen“ verspottet worden. Das schlug sich ab `69 in zahllosen Gitarrensoli nieder, von denen zwei im April 1970 im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden.

Autor: Wenzel Storch
Text: veröffentlicht in konkret 8/2009

Fortsetzung in Teil 2: „Komm herab, zottige Nacht“: Was hatte Ulrike Meinhof mit Soft Machine zu tun?

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