Schauspielerin Katharina Thalbach: Das Leben im Sandkasten

Am Sonntag hat in der Neuen Oper Erfurt „Die Fledermaus“ von Johann Strauss Premiere. Die Inszenierung realisiert die Berliner Regisseurin und Schauspielerin Katharina Thalbach.

Frau Thalbach, Sie haben eben erst am Berliner Ensemble Brechts „Im Dickicht der Städte“ inszeniert und arbeiten jetzt „Die Fledermaus“ in Erfurt. Probleme mit einem mentalen Klimawandel kennen Sie nicht?

Doch. „Dickicht“ war ein harter Brocken, zum Zähne ausbeißen. Und überdies bin ich durch Helene Weigel und meinem Vater . . .

. . .dem Regisseur Benno Besson. . .

. . . diesem Haus auch sentimental verbunden. Zwischen Berlin und Erfurt habe ich eine Woche gedreht. Film ist die Arbeit, die am besten bezahlt wird und am wenigstens anstrengt. Außerdem, ich habe die „Fledermaus“ schon mal gemacht, also den kreativen Teil, das ist jetzt Handwerk und Spaß.

Im „Dickicht der Städte“, sagte der junge Brecht, geht es um den Kampf an sich. Ist für Sie Theater auch so etwas wie Leben an sich, gleich ob es Brecht oder Strauß ist?

Absolut. Das macht doch den größten Teil meines Lebens aus. Das ist ein bisschen wie das Leben im Sandkasten, das wird nie langweilig.

Max Reinhardt hat gesagt, der Schauspieler sei einer, der seine Kindheit in die Tasche gesteckt hat. . .

Benno hatte auch, wenn es ging, ganz gern mal Kinder auf der Probe, die sind manchmal ein guter Gradmesser.

Und Sie nahmen Ihre Tochter auch zur Probe mit?

Klar doch. Das hatte allerdings auch manchmal ganz praktische Gründe, irgendwo musste sie hin. Das war im Osten leichter.

Sie haben diesen Osten 1976 nach der Biermann-Affäre zusammen mit Thomas Brasch verlassen. Bei manchen unserer Leserbriefe habe ich den Eindruck, als würde die Polemik gegen den Westen eine sachliche Erinnerung an den Osten behindern. Sie äußern sich auch sehr kritisch. . .

Ja, aber ich habe doch mein Gedächtnis nicht verloren. Ich muss doch den Osten nicht verklären, um dem Westen kritisch zu begegnen. Wir fanden die Idee Sozialismus und Gerechtigkeit für alle toll. Wir waren jung und hätten das Land lieber verbessert als verlassen. Die Erfahrungen mit der Stasi nach Biermann waren dann nicht sehr spaßig, das war eben auch Teil der DDR. Ich hatte dann großes Glück im Westen, auch mit der Arbeit. Es war toll, diese Erfahrung, dass die Welt viel größer ist als Ostberlin und Rügen. Aber es gab eben auch die Erfahrung, dass manches, was wir im Osten gelernt hatten, schon stimmte. Man kann ja nun wirklich nicht behaupten, dass dies eine gerechte Welt sei. Ich werde das Land, in dem ich 22 Jahre gelebt habe, weder verteufeln noch verklären. Und Berlin ist nun einmal meine Stadt, Ost wie West.

Privat berlinern Sie deutlich. Dieser Dialekt ist so eine merkwürdige Mischung aus proletarischer Tradition und intellektueller Demonstration. Pflegen Sie ihn deshalb?

Unsinn. Ich bin in Berlin aufgewachsen, das ist einfach meine natürliche Sprache. Allerdings, im Westen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Leute aus der Kulturszene, mit Ausnahme der Bayern, versuchen, ihren Dialekt zu unterdrücken. Für mich war das nie ein Thema. Erst bei meiner Tochter wurde das sozusagen zur Klassenfrage.

In der DDR war berlinern auch nicht sehr populär. . .

Ja, aber das hing mit dem Blick auf das privilegierte Berlin zusammen. Es ist jetzt auffällig, dass der Berliner Dialekt so langsam verschwindet. So richtig heftig kommt er noch in den Randbezirken von Ostberlin vor. Manchmal fühle ich mich wie Professor Higgins, wenn ich an der Sprache jemanden innerhalb Berlins verorten kann.

Sie wären eher die Elisa. . .

Weil ich berlinere?

Nein, weil Sie so etwas volkstümlich-plebejisches haben. Wunderbar in der „Sonnenallee“, forciert in so ein DDR-Zille-Milljö in „Der Mond und andere Liebhaber“. Haben Sie keine Angst, da festgelegt zu werden?

Das war so nicht gewollt mit dem „Mond“. Ich weiß, dass der Film nicht ganz gelungen ist, aber ich mag ihn trotzdem. Es ist nicht leicht, in meinem Alter richtig gute Rollen zu bekommen. Was ich spielen kann hängt natürlich auch von den Angeboten ab. Ich habe im Film überhaupt nur dreimal so großbürgerliche Frauen gespielt, ich gebe aber zu, nicht so gern. Und ich mache nicht gern irgendetwas nicht gern. Gegen eine richtig tragische Rolle würde ich mich nicht wehren, im Gegenteil. Aber ab einem gewissen Alter ist das schwierig, und dieses Alter kommt bei Frauen früher. Und bei mir kommt hinzu, dass ich eine schwierige Type bin. Aber ich habe gelernt, damit und davon zu leben.

Sie haben bis zu seinem Tod mit dem Schriftsteller Thomas Brasch gelebt. In einem Gedicht, das er 1975 schrieb, heißt es „Welchen Namen hat dieses Loch, in dem wir, einer nach dem anderen, verschwinden“.

Das habe ich damals abgetippt, Thomas schrieb doch alles mit der Hand.

Dann waren Sie die Sekretärin des „Poesiealbums“, das ich heute noch zu Hause habe. Das Gedicht meinte damals die DDR, den Verlust von Ideal und Perspektive. Hat diese Gesellschaft noch ein Ideal, eine Perspektive jenseits der Besitzstandswahrung?

Da bin ich optimistisch. Ich kann nicht glauben, dass Entwicklung aufhört, dass die Erde stillsteht. Wirklich Sorgen macht mir, wie wir diesen Globus kaputt machen. Aber ich mag nicht ohne Optimismus leben.


Henryk Goldberg im Gespräch mit Katharina Thalbach

Bild: Katharina Thalbach in „Flucht in den Norden“ (1985)

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