Schwejk (nach Jaroslav Hašek) am Düsseldorfer Schauspielhaus

Man kennt sie, die großen Schelme der Literatur: den Simplicissimus, Till Eulenspiegel, Don Quijote, Schwejk … Die Namen sind bekannt. Die Bücher aber, in denen ihre Abenteuer geschildert werden, gehören wohl kaum noch zum allgemeinen Lesestoff. Auf der Großen Bühne des Central lässt sich nun aktuell bestens Bekanntschaft mit Schwejk schließen.

Der Schauspieler Peter Jordan hat sich der Vorlage von Jaroslav Hašek als Autor und Hauptdarsteller mit Intelligenz und Gespür für die Gegenwart angenommen. Anders als seinerzeit die süßliche Verfilmung mit Heinz Rühmann setzt er auf die Bitterkeit des Humors. So hetzt er den „braven Soldaten“ durch ein Panoptikum des Schreckens, lässt ihn gar Adolf Hitler begegnen.

Gespielt wird ganz vorn auf der schmal gehaltenen Bühne. Wie auf einem Laufsteg purzeln die Momentaufnahmen daher, mitten hinein in das Inferno aller Kriege, ausgelöst durch die menschliche Dummheit. Die Parallelen zum Heute – Fremdenhass, Antisemitismus, Profitgier beispielsweise – werden nicht vordergründig ausgestellt. Sie wetterleuchten und grollen von allein in den ausgefeilten Slapstick-Szenen. Je länger der Abend dauert, umso schärfer wird er. Erst ist von Mord an Völker nur die Rede, dann wird er in all seiner Brutalität gezeigt. Die Inszenierung von Regisseur Leonhard Koppelmann rast gleichsam wie ein unkontrollierter Hochgeschwindigkeitszug durch die Zeit, mitten hinein ins Grauen. Trefflich wird ein Satz bestärkt, den der Franzose Romain Gary vor bald sechs Jahrzehnten in einem Essay veröffentlichte: „Patriotismus ist Liebe zu den Seinen. Nationalismus ist Hass auf die anderen.“

Peter Jordan als Schwejk ist durchgehend präsent. Er zeigt den Soldaten, der kein Soldat sein will, aber in den Rock gezwungen wird, zunächst als reinen Tor. Doch schnell macht er sprachlich und gestisch klar: Der Mann weiß, wann es das Klügste ist, sich dumm zu stellen. Das hat Witz. Doch vor allem ist es im besten Sinne aufklärerisch. Eine Wohltat in einer Welt, in der sich alles Raffen und Jagen nach Ruhm hinter einer Flut von Schick und Schnickschnack verbirgt. Mi Jordan agieren drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler in unterschiedlichsten Rollen. Das reicht von Typenskizzen bis zu Charakterbildern. Sie alle haben das richtige Tempo und einen mitreißenden Rhythmus. Ertönt da etwa einmal – in sicher bewusst niedlich anmutendem Arrangement – der Walzer Nr. 2 aus der Suite für Varieté-Orchester von Schostakowitsch, gelingt es allein pantomimisch den Irrwitz einer allein auf den Mammon fixierten Welt zu zeigen. Zusammen mit der erst jüngst am selben Theater herausgekommen Version von Brechts „Mann ist Mann“ erweist sich diese frische Begegnung mit Schwejk als trefflich gesellschaftskritisches Theater.

Peter Claus

Bild ganz oben: Hanna Werth, Peter Jordan | Foto: Thomas Rabsch

www.dhaus.de

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