3 Tage in Quiberon (Regie: Emily Atef)

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Marie Bäumer als Romy Schneider

„Min Kamp“, mein Kampf – Romy Schneider hätte ihre Autobiografie auch so betiteln können. Denn ihr gesamtes, nicht eben langes Leben war wirklich ein einziger Kampf: gegen eine ehrgeizige Mutter mit ins Stocken geratener Film-Karriere, gegen das übermächtige Sissi-Image, gegen Depressionen und Selbstzweifel und nicht zuletzt auch gegen das Image, welches ihr die deutsche Boulevardpresse verpasst hatte. Der schauspielerischer Wandel vom „Süßen Mädel“ bzw. „der Kaiserin des Herzens“ zum Vamp wurde ihr hierzulande übel genommen. Ihr Weggang nach Frankreich galt als Verrat, ihr Leben dort als skandalös. Ihre französischen Filme hatten in Deutschland kein Publikum. Dabei drehte sie mit Chabrol, Sautet und Tavernier, um nur die Bekanntesten zu nennen. 1976 erhielt sie sowohl den Grand Prix International, als auch den César als beste Schauspielerin des Jahres – in Frankreich wurde sie mehr verehrt als Cathérine Deneuve oder Jeanne Moreau. Schier unglaublich, dass 1982 anläßlich ihres Todes „Der Spiegel“ schrieb: „Es gibt eigentlich keine wirklich großen Filme mit ihr“.

Versucht die französisch, iranisch, amerikanische Regisseurin Emily Atef nun eine Art Aufarbeitung dieser, nicht erst aus heutiger Sicht, sprachlos machenden Ignoranz? Ist ihr Film „3 Tage in Quiberon“ eine Form der unbewußten Wiedergutmachung, um eine Schuld abzuarbeiten? Immerhin hatte sich damals die gesamte deutsche Filmindustrie von der Schauspielerin abgewendet. Diese Fragen drängen sich auf, denn anders ist kaum zu erklären, wie dieser Film mit zehn Nominierungen, und damit stärker als alle anderen Konkurrenzfilme, beim diesjährigen deutschen Filmpreis vertreten ist.

Der Film rekapituliert eine wahre Begebenheit. Im März 1981 besuchte der noch heute aus dieser Begegnung Kapital schlagende ehemalige Stern-Reporter Michael Jürgs die Schauspielerin in einem Kurhotel in Quiberon an der bretonischen Küste. Dorthin hatte sich Romy Schneider zurückgezogen um Kräfte für das nächste Filmprojekt – „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ – zu sammeln. Es war ein Tiefpunkt ihrer Karriere. Ihr erster Ehemann (Harry Meyen) hatte sich erhängt, auch der zweite veruntreute ihr Vermögen (Daniel Basini), und ihrem 14 jährigen Sohn David gegenüber plagte sie ein schlechtes Gewissen. Gesundheitliche Probleme kamen hinzu, eine Nierenoperation stand bevor, von der Alkohol- und Tablettensucht ganz zu schweigen.

In dieser Verfassung trifft sie auf den Stern-Reporter (Robert Gwisdek) für ein umfassendes Interview, und der ihr vertraute Robert Lebeck (Charly Hübner) schießt die Fotos. Zur psychologischen Unterstützung ist eine Freundin aus Kindertagen angereist, Hilde Fritsch (Birgit Minichmayr), die einzige dramaturgische Idee, die nicht auf den wahren Vorkommnissen beruht.

Gwisdek fragt wie vermutlich Jürgs gefragt hat, konfrontativ, verletzend, provozierend. Und der weltbekannte Fotograf macht die schönen schwarz-weiss Bilder, die sich bis heute im kollektiven Gedächtnis zumindest älterer Generationen eingebrannt haben. Bei all dem schauen wir zu: Marie Bäumler (alias Romy) ketterauchend, auf dem Hotelbett liegend, über Felsen hüpfend, Romy mit Kopftuch und weitem Hemd in der Hafenkneipe mit einem alten Mann tanzend. Die Lebeck Fotografien werden bis auf die Jackenknöpfe und Teekannen genau nachinszeniert. Der Film ist kunstvoll in schwarz-weiss gedreht (Kamera: Thomas Kiennast) und auch die Dialoge zwischen dem Reporter und der Schauspielerin folgen weitestgehend dem Interview von damals. Unterlegt ist das Ganze mit melodramatischen Klängen. Schnell wird auch dem Letzten klar: diese Frau ist gebrochen, enttäuscht, ausgenutzt, findet kein Verhältnis zwischen ihrem privaten und öffentlichen Leben. Sie vertraut den falschen Menschen, sie weiss nicht, wie sie Beruf und Familie zusammenbringt und die Angst vor einem Karriereende nagt schwer an ihr. Das ist es dann auch schon.

Dabei hätte die Regisseurin mit Marie Bäumler eine tolle Schauspielerin, um mehr zu zeigen, als eine von Stimmungsschwankungen hin und her geworfene Diva. Doch Emily Atef findet keine interessanten Seitenwege, vertieft nichts, hat keine eigene Idee, keine Zuspitzung, nichts, was dem vorliegenden Material (dem Interview und den Fotos) etwas hinzufügen würde. So kommt am Ende nichts anderes heraus als ein bestenfalls unterhaltendes Dokudrama. Dafür aber sind dann auch die einhundertundfünfzehn Minuten viel zu lang.

„Sissi“, der Kultfilm von 1955, spielte in der damaligen BRD mehr ein, als die Großproduktion „Vom Winde verweht“.

Die Titelgeschichte von Michael Jürgs im Stern mit der Überschrift „Im Moment bin ich ganz kaputt“ hatte 1981 eine Millionenauflage. Hofft man also, ganz platt gedacht, mit „3 Tage in Quiberon“ den europäischen Filmmarkt zu erobern? Frei nach dem Motto: „Ein einstiger Weltstar verkauft sich immer noch gut“. Noch dazu, wenn man in Gestalt von Marie Bäumler über ein so perfektes Double verfügt. Doch eine gelungene one-women show ergibt noch lange keinen guten Film. Zurecht gab es hierfür keinen Bären bei der diesjährigen Berlinale. Doch jetzt sieht es ganz danach aus, dass „3 Tage in Quiberon“ beim deutschen Filmpreis ordentlich abräumen wird.

Daniela Kloock

Bilder: © Prokino

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