Dierk Ludwig Schaaf: Fluchtpunkt Lissabon. Wie Helfer in Vichy-Frankreich Tausende vor Hitler retteten.

Trickreiche Gutmenschen

Dierk Ludwig Schaaf erinnert in „Fluchtpunkt Lissabon“ an die Fluchthelfer zu Zeiten von Vichy-Frankreich und NS-Verfolgung. Für ihre waghalsigen Aktionen haben diese Männer und Frauen erst spät geschichtliche Anerkennung gefunden

Die Extreme trennt oft nur ein kleiner Spalt. Ehe man es sich versieht, wird aus Macht Ohnmacht, Anerkennung verwandelt sich in Gleichgültigkeit und auf Dankbarkeit folgt Verfemung. Was immer auch die Fluchthelfer Aristides de Sousa Mendes, Varian Fry, Hiram „Harry“ Bingham, Noel und Marta Field, um exemplarisch ein paar zu nennen, an weltanschaulichen, biographischen, motivationellen Hintergründen auch trennte — eine deprimierende Erfahrung blieb ihnen nicht erspart. Als Alles überstanden war, als der Nationalsozialismus besiegt und der Zweite Weltkrieg endlich zu einem Ende gekommen war, da schlug nicht etwa ihre große Stunde. Stattdessen gerieten sie in einen lang anhaltenden Windschatten der Geschichte. Keiner mochte mehr etwas mit ihnen zu schaffen haben. Sie erlebten „die Einsamkeit der Retter“, wie Autor Dierk Ludwig Schaaf in seiner verdienstvollen Monografie über die Helfer in Vichy-Frankreich schreibt.

Nicht allen ist es dabei so übel ergangen wie dem portugiesischen Diplomaten Sousa Mendes, dessen Schicksal als besonders abschreckendes Beispiel für den bisweilen hohen Preis für persönliche Courage steht. Der Mann, der als Generalkonsul in Bordeaux im Sommer 1940 nach wohlmeinenden Schätzungen 30.000, nach anderen, etwas nüchterneren Zahlen immerhin 10.000 Menschen, das Leben rettete, als er ihnen gegen die ausdrückliche Order seiner Regierung Visa für die Einreise in sein Land ausstellte und damit einen Transit nach Amerika ermöglichte. Diesen Spross des alten Adelsgeschlechts erwartete bei Kriegsende 1945 kein Dank des Vaterlands. Ganz im Gegenteil. Nicht zuletzt auf Betreiben des Diktators Antonio Salazar wurde dem ungehorsamen Konsul vor einer Disziplinarkommission der Prozess gemacht. Am Ende standen die Zwangspensionierung des damals 55jährigen Vaters von elf Kindern. Ein Urteil, das einer gesellschaftlichen Vernichtung gleichkam und peu à peu finanziellen Ruin bedeutete. Am Rand des Melodrams beschreibt Schaaf, Sousa Mendes habe in seiner Not sogar die Türrahmen seines geerbten Palais verheizen müssen. Und: „Viele Nachbarn schnitten ihn“. Zum Zeitpunkt seines Todes 1954 war er ein Vergessener, schien auf alle Zeiten eine Marginalie der Geschichte zu sein.

Wie launisch Geschichte ist oder – um es optimistischer auszudrücken – wie sehr sie doch mitunter ihren handelnden Personen posthume Gerechtigkeit widerfahren lässt, darüber gibt der Fall Sousa Mendes auch Auskunft. Bei einer Meinungsumfrage zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde den Portugiesen die Frage gestellt, wer denn wohl die bedeutendste Persönlichkeit ihrer Nation gewesen sei. Auf Platz eines landete Salazar, aber dichtauf, nämlich auf Platz drei, sein zäher Widersacher Aristides de Sousa Mendes. Dem autoritären Salazar wird immer noch hoch angerechnet, sein Land aus dem Krieg herausgehalten zu haben, wenn auch um den Preis des politischen Lavierens und der moralischen Verrenkungen am Rand der Glaubwürdigkeit. Dem anderen gereicht zum späten Ruhm, moralische Integrität und Rückgrat bewiesen zu haben.

Der Fall Sousa Mendes bildet in Schaafs Buch „Fluchtpunkt Lissabon“ die dramaturgische Klammer, die im Prolog wie Epilog die vielen Fluchthelfer-Geschichten und Flüchtlingsschicksale zusammenhalten soll. Das macht Sinn. Das Auf und Ab des unbotmäßigen Diplomaten, sein tiefer Fall und seine späte Wiederauferstehung ist geradezu prototypisch für das, was auch anderen Akteuren dieser dunklen Jahre widerfahren ist. Die hatten es an anderen Schauplätzen mit einem nie versiegenden Strom von Flüchtlingen und einem scheinbar übermächtigen Gegner zu tun, mussten mit anderen Mitteln kämpfen. Sie hatten ihre große, heroische Zeit, aber als diese Zeit des kollektiven Ausnahmezustands vorbei war, da fielen sie in ein großes Loch. Sie fanden in der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr den richtigen Anschluss.

Es ist spannend, über die Gründe für diese Amnesie einer Gesellschaft zu spekulieren. Da ist zunächst eine amerikanische Gesellschaft, die im patriotischen Nachkriegstaumel nicht mehr an ihre eigene, lange Zeit verfolgte Neutralitätspolitik gegenüber dem État français des Marschall Pétain erinnert werden wollte. Erst im November 1942 gerieten beide Staaten in Kriegszustand. Bis dahin verfolgte die Roosevelt-Administration eine zweigleisige Politik. Eine im Lauf der Zeit immer stärkere Unterstützung der Briten und Churchills im Kampf gegen Hitlers Eroberungspolitik. Auf der anderen Seite humanitäre Hilfe für das besetzte und von NS-Deutschland ausgebeutete Frankreich, was so unterschiedliche Dinge wie Getreidelieferungen und die Duldung privater amerikanischer Flüchtlingshilfekomitees einschloss – immer mit Einschränkungen, Auflagen und Rücksichtnahmen verbunden.

Menschen wie Varian Fry, die gekommen waren um Menschenleben zu retten, mussten schnell feststellen, dass sie mit strikt legalen Mitteln bei den Bürokratien von Vichy, Washington, Madrid und Lissabon nicht weit kamen. Also wurden sie selbst zu Tricksern, die Ausweise, Pässe und Visa fälschten, Geld auf dem Schwarzmarkt tauschten, Beamte hintergingen und ihre eigenen, skrupulösen Auftraggeber daheim über die wahren Vorgänge chronisch im Unklaren ließen.

Mit dem Kriegsende sollte es in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit mit diesen außergesetzlichen Zuständen vorbei sein. Die Sorge um neue Respektabilität ließ auch die Helfer von gestern in neues Zwielicht geraten. Hiram Bingham IV, US-Vizekonsul in Marseille, wurde erst auf einen bedeutungslosen Posten abgeschoben, nahm frustriert seinen Abschied und endete als Farmer in Connecticut. Varian Fry stand bei seiner Rückkehr vor den Trümmern seiner Ehe und versuchte sich danach in verschiedenen Jobs, darunter als Werbetexter für Coca-Cola. Noel Field wurde ein Opfer des bald ausbrechenden Kalten Kriegs. Ihm wurde seine Rolle als Doppelagent für den amerikanischen OSS und kommunistische Organisationen zum Verhängnis. Er verbrachte Jahre seines restlichen Lebens im Gulag von Workuta, ohne jemals seinen Überzeugungen untreu zu werden und wurde erst nach Stalins Tod rehabilitiert.

Aber auch die Opfer von gestern erwiesen sich in dieser Zeit als undankbar gegenüber ihren Rettern. Von den vielen Flüchtlingen, die Varian Fry und seiner Organisation CAS ihre Flucht aus Frankreich samt Weiterreise durch Francos Spanien nach Lissabon verdanken, hielt laut Schaaf mit Jacques Lipschitz ein einziger Künstler den Kontakt zu seinem Helfer aufrecht.

Was ist da passiert? Der Versuch einer psychoanalytisch begründeten Antwort könnte so lauten: Das Trauma von Flucht und Vertreibung war zu frisch und zu unbewältigt, als dass man darüber hätte sprechen können. Denn Sprechen hätte bedeutet, das Vergangene noch einmal qualvoll zu erleben. Also lieber schweigen und das Vergangene begraben. Beim verabschiedeten Diplomaten Bingham ging das so weit, dass er seiner eigenen Familie gegenüber ein tiefes Schweigen über seine Rolle in jener Zeit bewahrte. Erst nach seinem Tod 1996 entdeckte sein jüngster Sohn ein Bündel mit alten Dokumenten und Tagebucheintragungen.

Womit wir in der Gegenwart angekommen wären und neuerlich eine erstaunliche Wendung in der Geschichtsschreibung erleben. In moderner Terminologie gesprochen: Die Gutmenschen von gestern sorgen für neue Aufregung: Sie zählen zu den Wiederentdeckungen der NS-Erinnerungsliteratur. Es ist, als habe sich überall und zur gleichen Zeit das schlechte Gewissen lautstark zu Wort gemeldet. Längst hat die jüdische Gedenkstätte Yad Vashem diese Helfer in die Reihe der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen. Gleich ob Paris, Washington oder Bordeaux – Auszeichnungen und Orden stehen bereit, die den guten Ruf wiederherstellen sollen. Was zu Lebzeiten versäumt wurde, soll wenigstens den Toten gegenüber wettgemacht werden. Dazu zählt natürlich auch ein Buch wie dieses. Dierk Ludwig Schaaf versammelt und konzentriert, was an auto-biographischen Texten zu diesem Thema veröffentlicht worden ist. Er vereint bislang Verstreutes an Primär- und Sekundärliteratur, ohne den Eindruck zu erwecken, die große, abschließende historiographische Behandlung vorlegen zu wollen. Dazu fehlen einfach zu viele Quellen von Zeugen und Strategien der Gegenseite. Zum Beispiel die der Macht in Vichy wie in Berlin, der natürlich diese Vorgänge im unbesetzten Teil Frankreichs nicht verborgen blieben.

Nicht alle Rettungsgeschichten über die Stationen Marseille und Lissabon endeten so glücklich mit Transatlantik-Überfahrt und Ankunft in Amerika, wie die Aufzählungen in diesem Buch glauben lassen mögen. Wie brandgefährlich die deutschen Greifkommandos waren, und wie sicher sie sich im prekär neutralen Portugal bewegen konnten, beweist der Fall des jüdischen Publizisten Berthold Jacob. Der ausgewiesene Gegner Hitler war bereits in Lissabon, hatte sein Ticket und Transitvisum in der Tasche, als ihn 1941 deutsche Agenten auf offener Straße entdeckten, nach Berlin verschleppten, wo er dann an den Folgen der Gestapo-Haft 1944 starb. Schaaf erwähnt diesen Vorfall auch, geht aber nicht näher darauf ein. Sein Focus liegt ganz offensichtlich auf den Rettern und ihren mehr oder minder geglückten Aktionen.

Früher, bereits im Sommer 1940, waren Mitglieder der Pariser Rothschilds, der Familie Habsburg, aber auch der Herzog von Windsor samt Ehefrau Wallis an Bord von Schiffen in die Neue Welt. Besonders letztgenannter Abgang schmerzte die Deutschen. „Willy will nicht“, notierte der enttäuschte SS-Offizier Walter Schellenberg in sein Tagebuch. Denn mit der Abreise des abgedankten Königs und NS-Sympathisanten Edward VIII. war die „Operation Willy“ gescheitert. Damit war auch der Plan hinfällig, unter Vermittlung Edwards zu einem Hitler-genehmen Verständigungsfrieden mit England zu kommen.

Die Erzählungen von mittlerweile schon historisch gewordenen Fluchthelfergeschichten provozieren den Vergleich zur Gegenwart und der neuen großen Fluchtwelle übers Mittelmeer. Diesmal freilich aus anderer Richtung und mit umgekehrtem Ziel. Schaaf ist klug genug, von naheliegenden aber irreführenden Gleichsetzungen zwischen damals und heute abzusehen. Als unbedingtes Vorbild für einen modernen Fluchthelfer taugt ein Mann wie Varian Fry ohnehin nicht. Seine finanziellen wie logistischen Möglichkeiten waren beschränkt und in den USA grassierte schon damals die Furcht vor Unterwanderung durch eine wie auch immer geartete Fünfte Kolonne. Also wurde unter den Kandidaten für ein Visum kontrolliert und gesiebt und nicht jeder Bewerber konnte sicher sein, zu den erwählten Kandidaten zu zählen. Wenn man sich die Namen der vielen Berühmtheiten und Prominenten ansieht, kann man zu dem Schluss gelangen, hier sei eine Einwanderungspolitik nach meritokratischen Gesichtspunkten erfolgt. Wer keinen Namen und keine Mittel hatte, hatte jedenfalls die schlechteren Karten.

Michel André

http-::dietz-verlag.de:isbn:9783801205256:Fluchtpunkt-Lissabon-Wie-Helfer-in-Vichy-Frankreich-Tausende-vor-Hitler-retteten-Dierk-Ludwig-Schaaf-300

Wie Helfer in Vichy-Frankreich Tausende vor Hitler retteten.

424 Seiten

J.H.W. Dietz Verlag Nachf. Bonn 2018

32 Euro

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