Love, Cecil (Regie: Lisa Immordino Vreeland)

Ein Film über den schillernden Ausnahmekünstler und „Jahrhundertphotographen“ Cecil Beaton

Cecil Beaton war ein Multitalent, Autor, Zeichner, Bühnen- und Kostümbildner, vor allem aber ein berühmt gewordener Photograph und Dandy par excellence. Zeit seines Lebens auf der Suche nach dem perfekten Schönen – denn sein Blick litt förmlich, wenn eine Form oder Farbe nicht stimmte – schuf er die makellosesten Bilder, die raffiniertesten Inszenierungen. Er fotografierte, um nur einige wenige zu nennen, Marilyn Monroe, Audrey Hepburn, Mick Jagger, Greta Garbo, das englische Königshaus, gestaltete unendlich viele Titelbilder und Fotostrecken für die englische und amerikanische „Vogue“, und erhielt drei Oscars für Filmausstattungen. Bis heute kann man sich der Ästhetik und der Perfektion seiner Bild(einfälle) kaum entziehen.Auch die Regisseurin Lisa Immordino Vreeland bekennt freimütig von Cecil Beaton fasziniert zu sein.

Mit ihrem Film „Love Cecil“ erinnert sie an diesen Ausnahmekünstler und lässt uns an seinem Leben und an seiner Karriere teilhaben. Off-Kommentare, Filmausschnitte, Archivmaterial und Interviews folgen weitestgehend den Lebensabschnitten des Protagonisten. Immer wieder hört man auch eine Stimme aus dem Off (Rupert Everett), die aus 160 Tagebüchern Beatons einige Stellen vorliest. Deutlich wird dabei wie sehr Beaton vor allem mit zweierlei haderte: seiner Klassenzugehörigkeit und seiner Homosexualität.

Schockierend und provozierend zu wirken und gekonnt die Medien seiner Zeit zu nutzen, das gelang dem 1904 in London geborenen Cecil Beaton von Anfang an perfekt. Als jüngerer Sohn einer Kaufmannsfamilie (der Vater war Holzhändler) hatte er das Glück eine tolerante Mutter zu haben. Sie ließ ihn am Schminktisch gewähren. Doch es war vor allem das Kindermädchen, welches seinen Lebensweg bestimmen sollte. Als Neunjährigen wies sie ihn in die Geheimnisse der Photographie ein. Mit dem mütterlichen Inventar an Kleidern begann Beaton bereits in seiner Kindheit seine beiden Schwestern und vor allem sich selbst vor der Kamera abzulichten. Selbstportraits wurden zur Obsession des sich auch gerne als Dragqueen inszenierenden Photographen. Die spätere Ausbildung in Cambridge brach er ab, stattdessen gründete er eine Theatergruppe und hielt dank klug gewählter Kontakte Einzug in die Kreise der aristokratischen Boheme, den „Bright Young Things“. Ausschweifende Feste, für die er die Kostüme und Dekorationen entwarf, ließen ihn an der Welt teilhaben, zu der er gehören wollte. Dabei diente ihm das Medium, welches sich gerade erst von schweren Stativen und schwefligem Blitzpulver verabschiedet hatte, als Eintrittskarte. Eigentlich ließ sich damals wer zur „upper class“ gehörte von Malern portraitieren. Bis Cecil Beaton mit seiner Kamera kam und durch ungewöhnliche Inszenierungen einen „Mehrwert“ schuf. Üppige Dekorationen, eine feine Lichtregie, Kombinationen aus theaterhaften Arrangements und Zitaten aus der Kunstgeschichte, all das führte zu eleganten, nie da gewesenen Kompositionen.

Zwanzigjährig schaffte er es seine Photographien in der englischen „Vogue“ unterzubringen. Ab da ging es steil bergauf. Adel, Prominenz, und fast alle Berühmtheiten aus Kunst, Kultur und Mode sollten und wollten in den folgenden fünfzig Jahren von ihm portraitiert werden. Eine antisemitische Skizze in der amerikanischen „Vogue“ kostete ihm in den 1930er Jahren zwar um ein Haar die Karriere, doch er konnte sich rehabilitieren. Ausgerechnet die Queen ermöglichte sein Comeback, 1934 wurde er zum englischen Königshof gerufen. Seine aura- und glamour umwehten Bilder sollten dem Buckingham-Palast zu einem neuen Image verhelfen. Im zweiten Weltkrieg reiste Beaton als britischer Kriegsfotograf u.a. in die Wüste von Tobruk, wo ihn das viele Beige des Sandes nervte. Tausende Kriegsphotographien entstanden, allesamt einen grausamen Zusammenhang heftig negierend. Später wurde er in Hollywood erfolgreicher Film- und Kostüm-Ausstatter und erhielt einige Oscars, 1958 für „Gigi“ und 1965 für „My Fair Lady“. Spätestens ab da rissen sich die großen Filmstars um ihn, und die „posh people“ zwischen Hollywood, New York und London ließen sich vor ihren Yachten, Pools und Landsitzen von ihm in Szene setzen. 1974 führte ein Schlaganfall zu einer einseitigen Lähmung. Der Dandy, der immer auf die äußere Form bedacht war, konnte nun seinen Zauberstab nicht länger schwenken, er starb 1980. In seinem Schlafzimmer sollen sich drei Bilder befunden haben, darauf Peter Watson, der einflussreiche englische Journalist, Kunsthistoriker und Autor, in den Beaton Zeit seines Lebens unsterblich, aber unerwidert, verliebt war und Greta Garbo, mit der er angeblich eine Affäre gehabt haben soll.

Der Film, oder sollte man besser sagen „die filmische Montage“ von Lisa Immordino Vreeland gewährt einen guten Einblick in das überbordende Gesamtwerk dieses Multi-Talents. Schade ist, dass das Auge nur Bruchteile von Sekunden auf Zeichnungen, Skizzen, Bühnenentwürfen und Photographien verweilen darf (copyright-Probleme?) und häufig auch noch Split-Screen angewendet wird. Schade auch, dass völlig unerwähnt bleibt mit welchen Tricks und Kniffen Beaton in die jeweiligen Zeitungsredaktionen kam, oder wie es überhaupt zum heißen Draht zwischen der Dragqueen und der Queen kam …

Dass Immordino Vreeland die Schwiegerenkelin von der legendären Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ ist, ermöglichte ihr wohl den Zugang zu vielen der im Film auftauchenden Talking Heads. Mit dem vorhandenen Material interessant umzugehen ist ihr jedoch nicht gelungen. Dies wird vor allem auch in den Teilen des Films deutlich, in denen die Tagebuchzitate vorkommen. Hier wird schon mit äußerst einfachen und einfallslosen Mitteln versucht das Gesagte zu bebildern. Minutenlang streift die Kamera durch Blumenbeete und Gräser und umkreist die Cottages, in denen der Meister gelebt hat. Wer die handwerkliche Perfektion der Bilder von Cecil Beaton bewundert muss schon sehr großzügig in der Beurteilung der Machart dieses Films sein. Aber egal – der Faszination für Cecil Beaton tut selbst dies keinen Abbruch.

Daniela Kloock

Bild ganz oben: Love, Cecil | DVD Cover (Ausschnitt) | © Arthaus

Arthaus hat aktuell die DVD und Blu-ray zum Film herausgebracht, mit viel Bonusmaterial und den ausführlichen Interviews der Wegbegleiter Cecil Beatons (u.a. David Hockney, Hilary Roberts, Manolo Blahnik).

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