William Shakespeares „Macbeth“ am Berliner Ensemble

Zu den Standards des Aberglaubens an den Theatern gehört, dass es Unglück bringe, Shakespeares „Macbeth“ zu inszenieren. Regisseur Michael Thalheimer hat’s nun dennoch in Berlin, am Berliner Ensemble, gewagt.

Anders, als vor gar nicht langer Zeit in einer glücklosen Fassung am deutschen Theater Berlin überrascht der Minimalist Thalheimer, der so gern rafft, streicht, komprimiert, mit einer in ästhetischer Hinsicht verlockenden Aufführung: sehr schick, ja, schnieke, durchaus wagemutig in der nicht immer nur stilisierten Darstellung von Gewalt. Vorgenommen hat er sich Heiner Müllers – Anfang der 1970er Jahre in der DDR uraufgeführte – Übersetzung und damit Version. Seltsamerweise hat er diese von vielem Müllerschen, Szenen, die den Beherrschten, den Bauern, Raum und Gesichter geben, entschlackt. Übrig geblieben ist das sprachlich gewaltige Macht- und Mord-Drama. Am Ende kommt nicht viel bei rum: Die Herrschenden wollen um jeden Preis ganz oben bleiben. Und sie bleiben auch da, gegebenenfalls ändern sich nur die Namen. Nihilismus? Ja, durchaus.

Wie immer setzt Thalheimer auf seine Schauspieler – und liegt beim Titeldarsteller voll daneben: Sascha Nathan macht aus Macbeth einen Hanswurst, ein greinendes, böses Kind. Der soll mal Heerführer für den König, den er dann ermordet, gewesen sein? Unmöglich. Zu sehen ist ein Mann ohne Charakter, ohne Willen, ohne Eigenschaften, nichts als ein Schauspieler, der Eitelkeiten ausstellt. Das ist leider arg ermüdend. Die Lady Macbeth von Constanze Becker ist da von ganz anderem Charakter. Irgendwo zwischen Mannequin und Zombie oszillierend, die Worte wie Waffen benutzend, sich mit differenzierter Körpersprache gegen die Regeln des Patriarchats auflehnend, das Böse wirklich nur als Mittel zum Zweck nutzend, zeichnet sie das faszinierende Porträt einer Frau, der die Männer keinen anderen Weg lassen, als sich diese zu ihren Marionetten zu machen. Dieser Abend müsste denn auch „Lady Macbeth“ heißen.

Die Bühne ist weitgehend leer, dreht sich jedoch nahezu unentwegt, was dem Fluss der Zeit eine böse Gewalt gibt. Das ist sehr, sehr kunstvoll. Doch sonst? Sehenswert? Durchaus. Denn immerhin: Thalheimer wagt was, er wagt es, an seinem Theaterverständnis festzuhalten, seinen Weg zu gehen. In diesem Fall irritiert das – allerdings so, dass man sich die Inszenierung sofort ein zweites Mal ansehen möchte.

Peter Claus

Bild ganz oben: Sascha Nathan | © Matthias Horn

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