Roma (Regie: Alfonso Cuarón)

Der Oscar scheint greifbar nahe zu sein für dieses Epos. Schon anlässlich der Ehrung des Spielfilms mit dem Goldenen Löwen von Venedig im September 2018 sprachen die Kritikerinnen und Kritiker davon. Die Hoffnung auf den weltweit renommiertesten Kino-Preis hat den Streaming-Dienst Netflix, Hauptproduzent des Dramas, gezwungen den Film für eine Woche in den USA im Los Angeles County in einem Kino zu zeigen. Die Regularien der US-amerikanischen Filmakademie verlangen das. Und siehe da: auch in Europa kommt der Film eine Woche vor dem Start im Netflix-Abonnement in einige Kinos. In Deutschland sind es, landesweit, 38 (!) Filmtheater, die den Film in vereinzelten Vorstellungen zeigen. Immerhin.

Alfonso Cuarón, bekannt als brillanter Erzähler durch „Y Tu Mamá También“, „Children of Men“ oder „Gravity“, ist ein Meisterwerk gelungen. Man spürt in jedem Bild, in jeder Szene, dass er eigenes Erleben verarbeitet hat. Die von ihm selbst geschriebene Geschichte blickt auf Cuaróns Kindheit in Roma, einem Stadtteil von Mexiko-Stadt Anfang der 1970er Jahre. Vater (Fernando Grediaga), Mutter (Marina de Tavira) und vier Kindern einer gehobenen Mittelstandsfamilie geht es gut. Das ist vor allem der Haushälterin Cleo (Yalitza Aparicio) zu danken. Ob kleine oder große Nöte, sie ist mit Rat und Tat zu Stelle. Als der Vater sich wegen der Liebe zu einer anderen Frau plötzlich verabschiedet, ist sie es, die den Kindern Wärme und Geborgenheit schenkt. Aber: Cleo ist eine Angestellte. Liebe bringt ihr niemand wirklich entgegen. Dienerin, Putzteufel, Vertraute darf sie sein, als vollwertig wird sie dennoch nicht angenommen.

In Schwarz-Weiß gedreht, begeistert der Film mit einer mitreißenden Plastizität der Bilder. Alle und alles mutet greifbar nah an. Die Liebeserklärung Alfonso Cuaróns an Cleo ist sicher auch als Entschuldigung für die einst waltende Oberflächlichkeit im Umgang mit ihr deutbar. Dabei ist wohl auch Scham: Cleo die Mixtekin, also eine indigene Ureinwohnern Mexikos, wird von oben herab behandelt, weil das dem ganz gewöhnlichen Rassismus entspricht. Was der Film nicht mit aufklärerischem Eifer thematisiert, sondern so selbstverständlich nebenbei erzählt, wie das Verhältnis der Herrschenden zu den Unterdrückten ein selbstverständliches ist. Cleo ist eher Mobiliar denn Mitmensch. Keiner meint das böse. Die Verhältnisse sind nun einmal so. Wobei, und das macht eine der Stärken des Films aus, Alfonso Cuarón genau diese Verhältnisse subtil beleuchtet und damit wirkungsvoll anprangert. Das geschieht mit erzählerischen Geschick, indem auf große Gesten verzichtet wird.

Sensibel, ohne den Zeigefinger aufklärerisch zu erheben, reflektiert Alfonso Cuarón politische Ereignisse, die sein Heimatland in jenen Jahren geprägt haben. Gezeigt wird beispielsweise das sogenannte „Fronleichnam-Massaker“ im Jahr 1971, bei dem demonstrierende Studenten von regierungstreuen paramilitärischen Mordkommandos niedergemetzelt worden sind, eines der Grauen des sogenannten „Schmutzigen Krieges“, dem in Mexiko bis weit in die 1980er Jahre Tausende Studenten, Arbeiter, Bauern, Angestellte und Intellektuelle zum Opfer gefallen sind. Alfonso Cuarón beobachtet dies und mehr aus dem Blickwinkel der naiven Cleo. Dadurch wirkt nichts aufgesetzt oder ausgedacht. Was auch von der feinen Bildgestaltung getragen wird. Cuarón hat die Kamera selbst geführt. Dabei hat er auf Intensität gebaut, nicht auf Hektik. Lange Kamerafahrten und -schwenks dominieren. Immer wieder halten die Bilder inne, verweilen. Dadurch fühlt man sich als Zuschauer, als gehe man an der Seite Cleos durch die Straßen der mexikanischen Hauptstadt oder befände sich direkt neben ihr in der Küche. Mehrfach werden starke Momente über Spiegelbilder eingefangen. So wird gleich zu Beginn des Films die Bahn eines Flugzeugs am Himmel in einer Wasserlache sichtbar, wird damit die Welt in Cleos eng abgezirkeltes Reich geholt, ohne dass es irgendwelcher Erklärungen bedarf. Spiegelbilder wie diese unterstreichen zudem, dass Erinnerungen im Zentrum der Erzählung stehen, Erinnerungen, die nicht unbedingt zeigen, was war, sondern subjektiv gefärbt sind. Getragen wird all das von Yalitza Aparicio in der Rolle der Cleo. Nicht als Schauspielerin ausgebildet, hat sie hier zum ersten Mal agiert. Ihre Schlichtheit, ja Unschuld, verleiht der Figur und damit dem ganzen Film eine verblüffende und vor allem mitreißende Wahrhaftigkeit. Es ist, als sehe man gelebtem Leben zu. Auch sie gilt – zu Recht – als Oscar-Kandidatin.

Bisher hat Netflix noch für keinen Spielfilm einen Oscar bekommen. Es galt das beispielsweise von Steven Spielberg vehement verteidigte Verdikt, dass der Streaming-Dienst nichts anderes als Fernsehfilme produziere und deshalb nichts bei den Oscar-Verleihungen zu suchen hätte. Das könnte sich mit diesem Spielfilm ändern. Viele sehen darin den Anfang vom Ende des Kinos. Nicht so Guillermo del Toro („Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“), in diesem Jahr Präsident der Jury in Venedig: „Ich glaube nicht, dass dies der Anfang vom Ende für irgendetwas ist. Es ist die Fortsetzung dessen, was vor etwa einhundert Jahren mit der Erfindung des Films begonnen hat.“ Abwarten.

Faktum: Es ist müßig über Netflix’ Umgang mit diesem Spielfilm und den Kinos, denen der Streaming-Dienst einige Auflage gemacht hat, zu jammern. Ja, Netflix will mit der „kleinen Kinoauswertung“ ganz sicher neue Abonnenten gewinnen, macht Werbung für sich, und gibt damit keineswegs den Kreuzzug gegen die Kinos auf. Aber: Die Wurzel des Übels ist in diesem Fall, dass die Produzenten, die diesen Spielfilm hätten fürs Kino produzieren können, genau das nicht getan haben. Sie haben Cuarón nicht finanziert. Damit sind sie in hohem Maß für das Dilemma mit verantwortlich. Wozu sie weitgehend schweigen. Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass große Studios, etwa in Hollywood, selbst Geld mit Streaming-Diensten machen wollen.

Peter Claus

Bild ganz oben: Netflix

Roma, von Alfonso Cuaró (Mexiko/USA 2018)

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