Systemsprenger (Regie: Nora Fingscheidt)

„Systemsprenger“ war einer der deutschen Wettbewerbsbeiträge der diesjährigen Berlinale und erhielt den Silbernen Bären. Dieser Tage wurde bekannt, dass der Film als deutscher Beitrag ins Rennen um den Auslands-Oscar 2020 geht. Die bundesdeutsche Kritik war sich einig wie selten. Der Film sei von einer unglaublichen emotionalen Intensität, ein furioses Spielfilmdebüt der erst 36jährigen Regisseurin. Mich hat der Film schlicht genervt. Zu laut, zu redundant, zu hermetisch. Ohne die überragende schauspielerische Leistung der Hauptfigur wäre das Ganze ein Rührstück über gescheiterte SozialarbeiterInnen (böse ausgedrückt). So aber muss man 118 Minuten Helena Zengel bewundern. Sie spielt ein Mädchen, welches durch alle Betreuungsraster fällt, weil es unberechenbar und massiv gewalttätig ist. Dabei sehnt sich diese Bennie – die eigentlich Bernadette heißt, aber das viel zu „tussig“ findet – nur nach Wärme bzw. ihrer Mama. Doch die ist selbst überfordert und fürchtet sich vor den Wutausbrüchen ihres Kindes. Frau Bannafé (Gabriela Maria Schmeide), die engagierte Sozialarbeiterin, scheitert ebenso wie Michi (Albrecht Schuch). Er ist der Schulbegleiter, der in der Einsamkeit der Lüneburger Heide das Mädchen zu therapieren versucht, dann aber zunehmend die Distanz verliert. Dies ist dramaturgisch noch der interessanteste Teil des Films. 

Die Kamera betrachtet das Geschehen aus der Sicht der Außenstehenden. Doch wenn die Gewaltausbrüche kommen, schwenkt sie um auf die Perspektive des Mädchens. Licht- und Farbblitze, Erinnerungsfetzen, Zwischenbilder wechseln sich dann kaleidoskopartig ab. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Schreien und Kreischen. Danach beginnt das Drama wieder von neuem. Die nächste Station, das nächste Scheitern, der nächste Ausbruch. Entwicklung darf es ebenso wenig geben, wie die Visualisierung der vielen Opfer, der vielen Verletzten. Die Autorin und Regisseurin nimmt 100 Prozent die Position der Systemsprengerin ein. Und alle müssen identifikatorisch mit ihr fühlen. Und ja, die Gesellschaft, das System ist bemüht, engagiert, aber letztendlich rat- und hilflos. Das Psychogramm der Benni ist zweifellos geglückt und die Aussichtslosigkeit der Situation realistisch. Für viele Zuschauer wird das Thema auch neu und überraschend sein. Ein harter Brocken – wer’s mag …

Daniela Kloock

Bild ganz oben: © kineo Film | PETER HARTWIG / KINEO / WEYDEMANN BROS. / YUNUS ROY IMER

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