Moebius Redux – Ein Leben in Bildern (Hasko Baumann)

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Der unscheinbare Visionär

Der 2012 verstorbene Comickünstler Jean Giraud war ein einzigartiges Phänomen. Nicht nur, dass der vor allem unter seinem Künstlernamen Moebius bekannte Zeichner zu den Besten seines Metiers gehörte. Wo andere Im Laufe ihres Lebens maximal eine Kultserie kreieren, erschuf Jean Giraud ganze Universen. Legendär ist die in Zusammenarbeit mit Alejandro Jodorowsky entstandene Reihe „John Difool“. Der psychedelische Teufelsritt erhebt den Comic in das Reich hoher Kunst. Zuvor hatte Giraud bereits unter seinem alternativen Pseudonym „Gir“ die Kultfigur „Blueberry“ erschaffen – die einzige europäische Western-Comicfigur, der auch in den USA Kult ist. Hinzu kommt Girauds Mitarbeit bei bahnbrechenden filmischen Projekten, wie „Dune“, „Alien“ und „Blade Runner“. Ohne den unscheinbaren Franzosen wäre die Pop-Kultur des 20. Jahrhunderts ungleich ärmer.

Die für ARTE im Jahre 2007 entstandene Dokumentation „Moebius Redux – Ein Leben in Bildern“ liegt seit 2010 auch als Doppel-DVD der Edition Salzberger vor. Das Künstler-Portrait von Hasko Baumann (bekannt als der Macher der ARTE-Interview-Reihe „Durch die Nacht mit …“) ist von großem Informationsgehalt und noch größeren Unterhaltungswert. Der Film ist ein einziger großer Bilderrausch, der von dem Ex-Kraftwerk-Musiker Karl Bartos kongenial akustisch untermalt wird. Wenn man konventionelle Elemente – wie sprechende Köpfe – sieht, dann vor expressiven Hintergründen, wie den knallig-bunten Werken von Meister Moebius. Wo es geht lässt Baumann jedoch die Bilder des manischen Comic-Magiers für sich sprechen. In Kombination mit der futuristischen Musik von Bartos wird „Moebius Redux“ über weite Strecken zu einem einzigen euphorisierenden Trip.

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Mit verschiedensten Arten von Trips kennt sich auch Jean Giraud bestens aus. So hatte er sich während seines Kunststudiums in Paris spontan ein Jahr Auszeit genommen, um die magischen Wüsten Mexikos zu durchwandern. Dazu bemerkt er in seiner lapidar-schelmischen Art: „Es war fantastisch … Noch heute, macht es mir Spaß, Figuren in einer Wüstenlandschaft zu zeichnen.“ Einige Jahre später hat sich Giraud dann auf eine Insel zurückgezogen, wo ein Psycho-Guro sein Meister war. Unmittelbar im Anschluss ging er nach L.A. und modernisierte dort mit dem Silver Surfer einen alten Marvel-Klassiker: Sein Weggefährte Jodorowsky sagt unumwunden, dass er den ganzen Superhelden-Unsinn hassen würde. Zu Giraud bemerkt er: „Ich kenne ihn als Künstler, als Menschen kenne ich ihn nicht. Dem Menschen Moebius würde ich wahrscheinlich nicht vertrauen.“

Ursprünglich hatten sich die beiden Künstler bei der Arbeit zu Alejandro Jodorowskys Film „Dune“ kennengelernt. Das Projekt scheiterte aufgrund Jodorowskys ausufernden Gigantismus und wurde erst eine Dekade später in sehr abgespeckter Form von David Lynch umgesetzt. Doch bei den Dreharbeiten zu Jodorowskys „Dune“ kam die Crème de la Crème der kreativen Querköpfe dieses Planeten zusammen. Hierzu gehörten der Schweizer HR Giger und der Amerikaner Dan O’Bannon (Drehbuch zu „Total Recall“). Als ein „Abfallprodukt“ der umfangreichen Vorarbeiten entstand mit dem gleichen Team der Sci-Fi-Horror-Klassiker „Alien“. Dan O’Bannon schrieb zudem das Szenario zum Moebius-Comic „The Long Tomorrow“, welcher später zur Vorlage für „Blade Runner“ wurde …

Doch im Zentrum von „Moebius Redux“ steht trotz dieser hochinteressanten Zusammenhänge der unscheinbare Jean Giraud. Dieser präsentiert sich als gleichermaßen bescheiden, wie selbstbewusst. Er weiß, um den Stellenwert seiner Kunst. Zugleich betont er beim Signieren seiner Werke für Fans auf einer Comic-Börse, dass er seine Arbeit als einen Beruf, wie jeden anderen betrachtet. Während seinen Wegbegleitern wie Jodorowsky und HR Giger das Charisma aus jeder einzelnen Körperpore sprüht, würde der schmächtige Jean Giraud mit seiner Brille auch als ein Heilpraktiker oder gar als ein Bankangestellter durchgehen. Allerdings wäre es für einen Bankangestellten eher ungewöhnlich, wenn dieser wie Moebius sagen würde: „Ich habe keine Ahnung, woher meine Ideen kommen. Vielleicht sind mir diese von Aliens eingegeben. Alles ist möglich.“

 

Gregor Torinus

Bilder: Salzgeber & Co. Medien GmbH

 

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Moebius Redux – Ein Leben in Bildern,

von Hasko Baumann (Deutschland, Frankreich, Kanada 2007)

 

auf DVD bei Salzgeber & Co. Medien GmbH

 

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