zweite chance 680

Seitdem sie für die Gewalt-Studie „In einer besseren Welt“ den „Oscar“ für den besten ausländischen Film gewonnen hat, genießt Susanne Bier Star-Status. Gut für sie. Und gut fürs Arthouse-Kino. Der Erfolg der Filme Biers hilft anderen Autorenfilmerinnen Geldgeber zu finden.

Brutal geht’s auch diesmal zu. Die Geschichte dreht sich wieder um Charaktere, denen gleichsam der Boden unter den Füßen entgleitet. Hauptfigur ist ein Polizist, Andreas (Nikolaj Coster-Waldau). Als sein Baby stirbt, vertauscht er die Leiche mit dem verwahrlosten Kind eines von Drogen geschädigten Paares. Er und seine Frau Anne (Marie Bonnevie) fühlen sich auf der Gewinnerseite. Sie halten sich ohnehin für die besseren Menschen. Klar, sie irren. Klar auch: die Katastrophe ist garantiert.

Erfreulicherweise fährt Susanne Bier die Thriller-Elemente rasch zurück. Das Psycho- und Sozialdrama wird facettenreich ausgebreitet. Klug: Als Zuschauer sind wir den Figuren oft einen Schritt voraus, wissen mehr als sie. Daraus ergibt sich eine starke Spannung. Und die Chance, das Verhalten der Handelnden auf der Leinwand mit einer gewissen kritischen Distanz zu sehen. Diese Distanz gilt auch dem filmischen Stil. Und man stellt fest: Susanne Bier haut auch mal daneben. In diesem Fall mit einem Zuviel an Klischees, sowohl was die Charaktere angeht, als auch die Milieuschilderungen. Der Film schrammt gerade mal so am Lächerlichen vorbei. Das es gerade mal noch gut geht, ist den Schauspielern (und damit natürlich der Schauspielerführung von Susanne Bier!) zu danken. Die Akteure lassen das kalte Kalkül des Drehbuchs vergessen und ziehen den Zuschauer mit in den emotionalen Strudel. Was wiederum dafür sorgt, dass man den Film nicht so schnell vergisst.

Peter Claus

Bilder: Prokino


Zweite Chance
, von Susanne Bier (Dänemark / Schweden 2015)

Share