Von Caligari zu Hitler (Rüdiger Suchsland)

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Von Flora und Fauna auf die große Leinwand

Mit VON CALIGARI ZU HITLER legt der Filmkritiker Rüdiger Suchsland seinen ersten eigenen Kinofilm vor. Der Dokumentarfilm über das deutsche Kino der Weimarer Republik nimmt Bezug auf das titelgebende Werk von Siegfried Kracauer. Die These von Kracauers Klassiker „Von Caligari zu Hitler – Eine psychologische Geschichte des deutschen Films“ lautet, dass das Kino der Weimarer Zeit bereits Vorahnungen und die Disposition der Deutschen zu dem kommenden totalitären Regime der NS-Zeit erkennen lassen. Kracauer erklärt den Film zu einem Spiegelbild des kollektiven Unterbewusstseins der Deutschen, das wenige Jahre später auf schreckliche Weise in die Wirklichkeit einbrechen wird.

Suchsland verdichtet diese These zu dem griffigen Motto: „Was weiß das Kino, das wir nicht wissen?“ Zusätzlich gibt es noch den offiziellen Untertitel: „Das deutsche Kino im Zeitalter de Massen“, der Kracauers „Eine psychologische Geschichte des deutschen Films“ ersetzt. Diese Mehrzahl an Mottos erweckt – im Sinne von Kracauer – bereits eine leise Vorahnung darauf, was den Zuschauer die kommenden knapp zwei Stunden erwarten wird. VON CALIGARI ZU HITLER ist vor allem ein bunter Bilderbogen und ein wilder Ritt durch das deutsche Kino vom Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit.

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Der unablässige, schnell geschnittene, Bilderstrom wird von den gleichfalls unablässigen Kommentaren Suchslands auf dem Off begleitet. Wenn Suchsland einmal verstummt, dann nur um vorübergehend einem anderem Kommentator das Wort zu überlassen. Was hierbei geäußert wird, ist ebenso vielgestaltig, wie das bunte Treiben auf der Leinwand. Es gibt viele kluge Kommentare und genaue Beobachtungen, aber auch Banalitäten und sogar groben Unfug. Zeit über das Gesagte nachzudenken bleibt sowieso nur selten. Kaum wird eine These in den (Bild-)Raum gestellt, folgen bereits die nächsten Bilder aus anderen Filmen und mit ihnen die nächsten Thesen und so fort.

Großartig ist das Bildmaterial, dass Suchsland überwiegend aus dem gewaltigen Fundus der Murnau-Stiftung ans Licht gebrach hat. Neben allseits bekannten Klassikern wie DAS KABINETT DES DR. CALIGARI (Robert Wiene, 1919), NOSFERATU (Friedrich Wilhelm Murnau 1922) und zahlreichen Filmen von Fritz Lang wie METROPOLIS (1927) oder M – EINE STADT SUCHT EINEM MÖRDER (1931) gibt es auch viele weniger bekannte Meisterwerke wie TAGEBUCH EINER VERLORENEN (Georg Wilhelm Pabst, 1929) und eine ganze Reihe heute völlig in Vergessenheit geratener Filme wie die Arthur Schnitzler Verfilmung FRÄULEIN ELSE (Paul Czinner, 1929) wieder zuentdecken.

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Überhaupt Lang: Selbst der für seine eher nüchtern-sachliche Art bekannte Regisseur Volker Schlöndorff kann nicht umhin voller Bewunderung festzustellen, dass Lang „alle Genres“ erfunden habe. Das in VON CALIGARI ZU HITLER gezeigte Bildmaterial untermauert diese These zwingender, als die eigentliche Kernthese nach Kracauer. Auch der amerikanische Filmwissenschaftlers Eric D. Weiz stellt voller Bewunderung fest: „the Weimarer Republik was a real creative hot-house!“

In VON CALIGARI ZU HITLER dient unter anderem Fritz Langs Serienmörderthriller M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER der Belegung der These, dass das Kino der Weimarer Zeit voller Vorahnungen des Kommenden ist. Wenn der von Gründgens verkörperte Unterweltchef Schänker seine in einem schwarzen Lederhandschuh steckende Hand auf die Karte von Berlin legt, erblickt Suchsland in dieser Geste „Gewalt, Vernetzung, Herrschaft, Kontrolle und Kybernetik“. Wenn es derart überzeugt vorgetragen wird, erscheint das auch schlüssig, – Obwohl: Wie war das jetzt genau mit der Kybernetik?

Anders als Suchsland sieht Weiz in der parallelen Jagt der Polizei und der Ganoven nach dem Mörder kein Sichtbarwerden des geheimen Wissens des kollektiven deutschen Unterbewusstseins von an die Macht drängenden finsteren Kräften. Ganz pragmatisch-amerikanisch stellt Weiz fest, dass der Film das zu dem Zeitpunkt seiner Entstehung in Berlin herrschende Machtvakuum und das sich daraus ergebende gesellschaftliche Chaos zeige. Dies hätten sich die Nazis zu Nutze gemacht, indem sie sich als diejenigen empfohlen, die wieder für Ordnung sorgten. Diese entspricht in seiner Nüchternheit auch dem Realismus des der Neuen Sachlichkeit zugehörigen Films.

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Aufgrund der überbordenden Kreativität und Themenvielfalt der präsentierten Filme, die kein einziges Genre und keine einzige menschliche Emotion auslassen, kann man mit diesem Bildmaterial im Prinzip jede beliebige These bebildern, zumal wenn man wie Suchsland diese Bilder bevorzugt auf sehr suggestive Weise kommentiert. Trotzdem endet der Film so, wie er begonnen hat, mit der weiterhin offen bleibenden Frage „Was weiß das Kino, das wir nicht wissen?“ – Wobei die Frage an dieser Stelle mehr rhetorischer Natur ist. Dafür wird die Frage nach der Quelle des phantastischen Universums des deutschen Films jener Zeit beantwortet. Dazu der Regisseur Fatih Akin: „Ich bin mir sicher, dass das aus den Wäldern kommt … Hat es am Ende nicht immer was mit Flora und Fauna zu tun?“

Gregor Torinus

Bilder: LOOKS Filmproduktionen

Von Caligari zu Hitler, von Rüdiger Suchsland (Deutschland 2014)

 

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