High-Rise (Regie: Ben Wheatley)

Untergang mit Freude

 

Britisches Unterstatement sieht anders aus: In seiner Verfilmung des gleichnamigen Romans von J.G. Ballard stapelt der englische Regisseur Ben Wheatley nicht tief, sondern hochhaushoch. – Die Katastrophe ist da bereits vorprogrammiert.

In seinem Actionthriller„Snowpiercer“ (2013) präsentierte der südkoreanische Filmemacher Bong Joon-ho eine postapokalyptische Klassengesellschaft, die streng linear entlang der Abteile eines schier endlosen Schnellzugs geschichtet war. In seinem neusten Film kippt der Brite Ben Wheatley ein artverwandtes Gesellschaftssystem einfach in die Vertikale und fertig ist der Wolkenkratzer („High-Rise“).

Im Gegensatz zu Joon-ho blickt Wheatley in seiner Dystonie jedoch nicht in die Zukunft, sondern zurück in das London von 1975. In dem Jahr erschien auch J.G.Ballards in der damaligen Gegenwart angesiedelte Romanvorlage. Dies führt zu einer schrägen Verquickung von futuristischer Hochhausarchitektur und 1970er-Design, von düsterer gesellschaftlicher Vision und dicke Koteletten tragenden Partylöwen, die sich feste die Nase und ihre Gespielin pudern und dazu eine orchestrierte Version von Abba anhören.

„High-Rise“ entfaltet einen dekadent-degenerierten retro-futuristischen Wahnsinn, der entfernt an perverse vergangene Zukunftsvisionen wie Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ (1971) erinnert. Mit faszinierend-beängstigenden Perversionen kannte sich auch J.G. Ballard bestens aus, wie an David Cronenbergs Verfilmung des morbiden Autounfall-Fetisch-Dramas „Crash“ (1996) zu sehen ist. Exakt 20 Jahre später kommt jetzt mit „High-Rise“ eine weitere Verfilmung eines Schlüsselwerks von Ballard in unsere Kinos – die jedoch weit weniger ballardesk, als Cronenbergs Auto-Sex-Schocker geraten ist.

Bei „High-Rise“ beginnen die Probleme – leider nicht nur innerhalb der Geschichte – damit, dass der Junggeselle Dr. Robert Laing (Tom Hiddleston) auf dem Wunsch nach einer Veränderung seines Lebens in ein futuristisches neues Hochhaus am Rande Londons einzieht. – Der Neurologe ist ebenso aseptisch, wie sein Operationsbesteck – und deshalb nur sehr bedingt als eine Identifikationsfigur geeignet. Dass der Zuschauer das folgende Geschehen aus Laings Sicht mitverfolgt, trägt entscheidend dazu bei, dass man niemals ganz in die Handlung eintaucht, sondern sich stets, wie ein außenstehender Beobachter fühlt – den das Schicksal der gezeigten Verrückten entsprechend kalt lässt.

Jene leben in einem ultramodernen Gebäude, das eine umfassende Infrastruktur besitzt, welche es weitestgehend autark macht: Vom hausinternen Supermarkt, über einen eigenen Kindergarten bis hin zu einem üppigen Wellnessbereich und Swimmingpool, bleiben praktisch keine Wünsche offen. Das Gebäude bildet einen eignen Mikrokosmos, den seine Bewohner nur selten verlassen. Jene formen ein skurril-verschrobenes Biotop, das seinen inneren Zusammenhalt durch ausschweifende Partys gewinnt.

Ganz oben thront in einem luxuriösen Penthouse der Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons) mit seiner Gemahlin Ann (Keely Hawes), die gerne hoch zu Ross auf ihrem großen Dachgarten ausreitet. Anthony ist nicht nur der Erbauer des Gebäudes, sondern auch der große Zampano, der das Treiben der weiteren Hausbewohner dirigiert. Zu jenen gehören auch der später dem Wahnsinn verfallende Dokumentarfilmer Wilder (Luke Evans) und dessen hochschwangere Frau Helen (Elizabeth Moss) sowie die alleinstehenden Mutter Charlotte (Sienna Miller), deren Kind von Royal stammt.

Wir merken: Ganz oben im Gebäude geht es äußerst königlich („Royal“) zu, während unten der Pöbel („Wilder“) tobt und mittendrin (in der 25. Etage) ein ziemlich langweiliger Dr. Laing nicht so recht weiß, was er davon halten soll. Mit ihm fällt es auch dem Zuschauer nicht leicht zu sagen, was er er nach einer Laufzeit von zwei Stunden von „High-Rise“ denken soll. Der Film ist eine lange Ansammlung schön designter Setpieces und einzelner bemerkenswert skurriler Szenen. Doch insgesamt ist diese Veranstaltung ähnlich zäh, wie der Hund des Architekten, den Dr. Laing zum Schluss verspeist.

Gregor Torinus

Bilder: © DCM

High-Rise, von Ben Wheatley (Großbritannien / Belgien 2015)

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