Big Brother is killing you

Oliver Hirschbiegels spannender Thriller ist auch ein Experiment

Der Elvis-Imitator knödelt in die Mikro-Imitation. „Are you lonesome tonight?“ Es muss sein Thema sein. Einer der anderen Männer fragt ihn, ob er Kinder habe. Da verlässt der Elvis-Imitator den Aufenthaltsraum der Wärter-Imitatoren und geht zu den Gefangenen-Imitatoren. Häftling Nr. 77 erhält Liegestütze außer der Reihe.

Das so genannte Stanford-Experiment untersuchte 1971 das Verhalten von Menschen unter simulierten Gefängnisbedingungen. Die Hälfte der Probanden hatte die andere Hälfte zu bewachen. Nach sieben Tagen wurde der Versuch abgebrochen, das Experiment geriet außer Kontrolle. „Das Experiment“ schafft nur fünf Tage.
Oliver Hirschbiegel, bislang erfolgreich für das Fernsehen arbeitend, hat in seinem Kinodebüt nach dem Roman von Mario Giordano etwas seltenes wie selbstverständlich geschafft: Einen deutschen Thriller, der, anders als im vergangenen Jahr Anatomie, sich in Rufweite der Wirklichkeit bewegt. Einen Film, der makellos scheint im Handwerk, einen Thriller, der zwei Stunden gute Unterhaltung garantiert. Ein Film, der nach Art des Hauses Hollywood gefertigt und dennoch deutsch ist.
Der ausgestiegene oder ausgemusterte Journalist Tarek liest in seinem Taxi die Anzeige, zwei Wochen Test für 4000 Mark. Das könnte eine heiße Story sein und er bekommt sie, zehntausend Mark, keine Spesen. Am Ende wird die Geschichte heißer als erwartet und er verbrennt beinahe in ihr. Denn der Film handelt davon, wie schnell Menschen bereit sind, die Grenzen des Spieles zur Realität zu überschreiten. Das heißt, er behauptet davon zu handeln.
Diese voraussetzungslose Figur, die Moritz Bleibtreu mit seiner intelligenten Sensibilität spielt, ist merkwürdig unentschlossen. Denn auf der einen Seite benötigt der Film einen Journalisten auf der Hetzjagd, die ihn schließlich selbst betrifft, auf der anderen einen Sympathieträger. In Hollywood hätten sie vermutlich einen gnadenlosen Hund erfunden und ihn sich wandeln lassen. Bleibtreu aber ist schon am Beginn der nette Kerl so vermag er nie klar zu spielen, ob er sich einfach aus einem menschlich-spielerischen Impuls heraus zu wehren beginnt, oder ob er die Eskalation provoziert für seine Story. Das ist vielleicht das Problem dieses Filmes, der vorgibt mit Psychologie zu handeln: Sie interessiert ihn nicht. Hirschbiegel treibt die Eskalation atemlos voran, weil sie den Thrill befördert. Und er vergisst, oder ignoriert, dabei sein Thema, das deutlich nur Mittel ist, nicht Zweck. Der Prozess, wie die Grenzen der Realität unscharf werden, wie die Wärter ihre Rollen nicht mehr spielen, sondern leben, kommt kaum vor. Und doch wäre eben diese Grenzüberschreitung das eigentliche Thema unter der Voraussetzung, dass man sich dafür interessiert, wirklich interessiert. Aber das eigentliche Interesse galt dem Ehrgeiz, einen Erfolg zu produzieren.
Und in der Summe ist das gelungen. Wie Hirschbiegel, der nun weitere Angebote bekommen sollte, die Spannung hochdreht, wie er die klaustrophobische Situation beherrscht, wie genau er in vielen Details mit seinen Schauspielern arbeitet ohne dabei die Linie zu verlieren, das ist bemerkenswert.
Im Grunde kritisiert man, wenn man kritisiert, nicht die Inszenierung, sondern ihren Ansatz zum Unterhaltungskino. Bei einer Produktion aus Hollywood würde das fraglos akzeptiert. Vielleicht ist auch das ein Problem des deutschen Filmes.

Autor: Henryk Goldberg

Text: veröffentlicht in filmspiegel

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