Die unsozialisierte Seele

Kubricks letzte Bilder, schön und leer

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Sie sitzt, das Abendkleid zweckdienlich geschürzt, auf der Toilette. „Wie sehe ich aus?“, fragt sie, während sie ein wenig Papier benutzt. „Gut“, sagt William und schaut nicht hin. Sie kennen sich schon recht lang, das kann ein Problem sein.
Auch Nicole Kidman und Tom Cruise kennen sich schon recht lang, das kann ein Vorteil sein. Denn Stanley Kubrick wollte dieses Paar mit Schauspielern besetzen, die weitgehend entgrenzt miteinander umzugehen vermögen, auch in den erotischen Szenen. Das war eine der Geschichten, die den Film zur Legende erhoben. Die andere ist der Tod seines Regisseurs, der einer der bedeutendsten in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts war, kurz nach Abschluss der Dreharbeiten, die, und das ist eine weitere Geschichte, ungewöhnlich lange dauerten. Und eine Sequenz, die in den USA geschnitten wurde wegen sexueller Freizügigkeit, wie gern und oft erzählt wurde, trug Sorge, dass dieser Film zum Vermächtnis seines großen Regisseurs stilisiert wurde. Erwartet wurde eine der geilsten Nummern in der Geschichte der Kinematographie. Nun ist sie da. Und?

Gefragt, worum es denn ginge, ungefähr, in diesem Film, ließe sich antworten, ums Ficken. Das ist nicht nur das letzte Wort des Filmes, es ist auch sein letzter Grund, wobei wohl zu denken ist, dass die four-letter-words im Englischen wohl doch einen etwas anderen Klang haben. Es wäre allerdings auch eine unzutreffende Antwort, denn es geht natürlich um viel mehr, weil es immer um viel mehr geht, wenn es darum geht. Es geht darum schon in Arthur Schnitzlers ?Traumnovelle?, die Kubrick verarbeitet hat , dass der Raum der Imagination ungleich größer ist als alle Räume und alle Möglichkeiten der wirklichen Welt. Und zwischen dem Vorstellbaren und dem Lebbaren wird wohl immer ein unauflösbarer Rest bleiben. Die unsozialisierbare Seele träumt Begierden und erlebt Träume, die das sozialisierte Gehirn wohl gelegentlich erbleichen lassen. Und die Frage ist, ist immer wieder, wie Menschen das beherrschen, wie sie diesen dunklen Teil ihrer Seele domestizieren, ohne die Beziehung, für die sie es tun, damit zu gefährden durch Entleerung. Und wie, und ob, sie einander gestatten, diese letzte Grenze, die die tiefen Träume bewacht, zu überschreiten. Gewiss Stanley Kubrick ist eine Jahrhundertwende weiter als Arthur Schnitzler, aber im Übrigen ist es wohl, wie es war.
Der Mann möchte Alice die Broncen im Obergeschoss zeigen, die beiden Mädchen William die Stelle, wo der Regenbogen zu Ende ist. Er wird dem Regenbogen erst später begegnen, denn William, der Arzt,  wird zum Hausherrn gebeten, der sich eben die Hose schließt. Die nackte Nutte ist beinahe tot, Überdosis. Wenn William sie das nächste Mal sieht, wird sie ebenfalls nackt sein und eine Maske tragen und ihm das Leben retten. Die übernächste Begegnung wird die letzte sein, denn dann wird sie, nackt, in einem Kühlfach liegen. Davor aber wird Alice William von diesem Marineoffizier erzählt haben und von ihren Träumen. Von diesem Burschen, an den sie dachte, als sie mit William schlief, diesen Burschen, zu dem sie sich gelegt hätte um jeden Preis, hätte er es nur gewollt. Und William begegnet den wirklichkeitsnahen Träumen seiner Frau mit einer träumerischen Nacht. Er wird im Kostümverleih „Regenbogen“ einem Mann begegnen, der außer Kostümen auch seine Tochter vermietet und er wird eine Schwarze Messe erleben, in der den kollektiven Kopulationen durch zitierte Rituale eine Art höherer Weihe zuwächst, pathetisch, barock, und ein wenig albern auch.
Gewiss der Mensch, wir sagten es schon und Kubrick hat es auch gesagt, ist in diesen Fragen wohl nicht weiter, als er es zur vergangenen Jahrhundertwende bereits war und zur kommenden wohl wiederum sein wird. Aber womöglich ist die Weise der öffentlichen Reflexion dieses Umstandes eine andere und womöglich ist das auch das Problem dieses Filmes von dem wir behaupten, er wird vergessen werden, wohingegen ihn Kollegen bereits im Pantheon der Filmgeschichte sehen. Man wird sehen.
Arthur Schnitzlers Geschichten waren gerichtsanhängige Skandale, die Untiefen der Seele öffentlich auszusagen eine Provokation an sich. Und Kubrick, der sich eng an Schnitzler hält, Wien natürlich ersetzt durch New York und das eine Bürgertum durch das andere, kommt nicht hinaus über Schnitzler. Es wird diesem Umstand geschuldet sein, dass der Autor diesen Film als einen weithin unberührenden empfand, eine Reihung von schönen, wiewohl leeren Bildern, Arrangements wie Kunstblumen, schön und leblos. Kaum je erreicht die Oberflächenreizung jene Ebene, auf der die Bilder gleichsam zu denken beginnen.
Das ist auch ein Problem der Darsteller. Nicole Kidman fegt ihren Mann, künstlerisch, vom Set. Cruise ist nicht so schlecht, wie oft bespöttelt, aber wiederum nicht gut genug für eine solche Figur mit Untertext. So bleibt er blass: Doch er ist die Mitte des Filmes, und seine Odyssee ist erzählt aus seiner Figurenperspektive. Das mag richtig sein im Sinne der Psychologie, es ist falsch im Sinne der Kunst.
Und so manches Mal wunderte sich der Betrachter über die seelischen Komplikationen, die Verzweiflungen der Figuren und fragte sich: Was haben sie? Es ist doch nichts passiert.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben: 2000

Text: veröffentlicht in filmspiegel

Bild: Warner Bros.

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