Verschollen – Cast Away (Robert Zemeckis)

Der mit dem Ball spricht

Hollywood, ich habe ein Problem: Tom Hanks ist “Verschollen“

Chuck zeichnet dem weissen Ball ein Gesicht auf das Leder und er zeichnet es mit seinem Blut. So ist der Ball, er wird ihn Wilson nennen, Blut von seinem Blut. Du hast nicht zufällig, so fragt Chuck, ein Streichholz bei dir? Wilson schweigt, doch in diesem Augenblick beginnt das Stück Holz, um das der Mann sich bemüht, sanft zu glimmen. Das ist der Beginn einer wundersamen Freundschaft.

Der Impuls dieses Filmes ist nicht eine Geschichte, er ist das Kunstbedürfnis des Schauspielers Tom Hanks. Der hat, mit allem Recht, wie wenig andere Stars, Jodie Foster, Dustin Hoffman, einen Status, der es ihn erlaubt, Kristallisationspunkt einer Geschichte zu werden, ihr eigentlicher Grund. An dieser Geschichte arbeitete Hanks sechs Jahre, gemeinsam mit William Broyles, der schon einer der Autoren von Apollo 13 war. Und mit Robert Zemeckis stemmte Hanks den Welterfolg Forrest Gump. Zusammen träumten sie den Traum, Tom Hanks ein Solo auf einer Insel zu ermöglichen. Aber das braucht einen Vorwand, eine Geschichte.

Chuck Noland ist ein Manager bei FedEx, dem weltweiten Logistikunternehmen. Gerade ist er in Moskau, er muss nach Malaysia, er wird Silvester wohl zu Hause sein und die Südamerikageschichte wird er verschieben, die Freundin promoviert. In Moskau hält er mahnend die Uhr hoch, 82 Stunden benötigte dieses Paket von Memphis, das ist ein Skandal. Er weiss noch nicht, dass er für die Beförderung eines Paketes vier Jahre benötigen wird. In Memphis macht er Kelly im Auto schnell noch einen Heiratsantrag, dann geht er zum Flieger Ich bin gleich wieder da. Solche Sätze haben Folgen. Hey Al, wo sind wir jetzt? fragt Chuck den Piloten. Wenn er Al das nächste mal sieht, wird er ihm die Schuhe von den Füßen ziehen. Irgendwo über dem Pazifik antwortet Al und dann wirft Robert Zemeckis die Maschine an. Dieser Flugzeugabsturz ist einer der besten in der Geschichte Hollywoods. Inspiriert vielleicht durch die ersten Sequenzen von Spielbergs Private Ryan, dessen Dreamworks zu den Produzenten gehört, gibt die Tonspur einen noch nicht gehörten O-Ton. Das Heulen des abstürzenden Flugzeuges, das hilflos stöhnende Metall. Wir hören die Angst und wohl den Gewinner des Oscar für den Tonschnitt. Einen komponierten Soundtrack benötigt dieser Film lange nicht, so gut ist die Tonspur, so gut ist auch Tom Hanks.

In den USA ist dieser Film, der sich in den Trend zur Zivilisations- und Karrierekritik einfügt, ein großer Erfolg. Ein großer Film ist es nicht. Gewiss, Hanks ist ein wunderbarer Schauspieler und er hält es aus, was nicht viele könnten, anderthalb Stunden allein auf der Leinwand zu sein, ohne jedes romantisierende Ambiente. Doch er hat, natürlich, das ganze Robinson-Programm abzuarbeiten: Kokosnüsse knacken, Fische fangen, Krebse kotzen, Feuer fingern. Und selbst ein so außerordentlicher Schauspieler muss sich mit all seiner Kraft gegen die oftmals geschauten Bilder stemmen und verbraucht einen großen Teil dieser Kraft, um aus spannungslosen Vorgängen ansehbare Bilder zu machen. So wird es nie wirklich langweilig auf dieser Insel, aber auch nie wirklich groß. Mit einer Ausnahme. Die ist vielleicht nicht groß, aber berührend, sie ist die originäre poetische Idee.

Wilson, der Ball, bekommt Haare zum Gesicht, ihm wächst das Gras vom Leder. Irgendwann ist Chuck am Ende, er schlägt seinen Freund irgendwo ins Aus, ins Dunkel. Jetzt hat es dir wohl die Sprache verschlagen, was? höhnt er. Dann schreit er nach ihm, sucht den Kameraden. Und es ist kein bisschen komisch. Hanks geht mit diesem Ball um wie ein Puppenspieler, er beseelt das tote Material mit seiner Kunst. Aber nicht den Film. Es ist wie ein exzellentes Vorsprechen im Theater: ein wunderbarer Schauspieler wird erkennbar, was er aber zu erzählen hat, ist eher nebensächlich. Und, tatsächlich, sie haben auch nichts zu erzählen, nichts, ausser der ganz simplen, ganz vagen, ganz Vorwand bleibenden Karriere-Kritik. Eine konstruierte Symbolik am Ende, ein Mann am Kreuzweg, er wird seinen Weg gehen, schließlich, es ist Amerika. Und wenn der Vorhang fällt, dann könnte die eigentliche Geschichte beginnen: Wie verhält sich ein Mann, der nach vier Jahren zurückkehrt, wie erträgt er die anderen, wie diese ihn? Aber diese Geschichte wäre so ernsthaft, dass sie gar nicht erst den Versuch unternehmen, sie zu erzählen. Chuck hat ein Floss gebaut, für den Weg zurück, doch Wilson, der Volleyball, stirbt den Seemannstod. Da springt Tom Hanks in den Pazifik und riskiert sein Leben und weint um den Freund. Und nicht einen Augenblick belächeln wir die Albernheit. Das ist schon ein Schauspieler, der derlei vermag. Und nächstens sollten sie ihn wieder eine Geschichte geben.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2001

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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