Good Bye, Lenin! (Wolfgang Becker)

Unsre Heimat

Sehr komisch und sehr ernsthaft

Denis verkauft am Tag Satelitten-Empfänger und am Abend inszeniert er Filme. Einen davon, seinen besten, zeigt er Alex. Da fliegt etwas durch die Luft und landet schließlich als Torte. Das ist, sagt Denis, der berühmte Schnitt aus 2001. Dort verwirbelt sich ein Knochen, den einer aus der Urhorde empor wirft, zu einem Raumschiff. Ungefähr so, wie Denis mit dieser Ikone der Filmgeschichte umgeht, so halten es Wolfgang Becker und sein Autor Bernd Lichtenberg mit der DDR. Das einstmals bitter Ernste wird durch leichte Modifikationen zu etwas sehr Heiterem. Denn Denis inszeniert nicht nur Stanley Kubrick, er inszeniert auch Erich Honecker, der, wie Kubricks Knochen, gleichsam durch die Zeit wirbelt, und als Torte landet, dem Symbol früher filmischer Komik. Und wie Kubrick hat auch Becker nicht nur Tricks, er hat auch Gedanken. Der wichtigste von ihnen handelt von der Frage, ob die Existenz in der DDR, wenn jemand sie ernst nahm, eine Lebenslüge war. Komisch wird man das nicht nennen wollen. Und dennoch ist dies ein sehr komischer Film.

Alex’ Mutter hat Geburtstag, sie kann das Bett nicht verlassen. Zwei Junge Pioniere singen das schöne Lied von unsrer Heimat, die wir lieben, weil sie unserem Volke gehööört; der Schuldirektor sagt Artigkeiten im Namen der Parteileitung auf und der alte Genosse von der Wohnung darüber ist auch gerührt. Es gibt einen schönen Präsentkorb, Spreewaldgurken, Moccafix, Fellinchen. Es geht alles seinen sozialistischen Gang hier drin. Und draußen ist 1990. Die Idee ist wunderbar, sie ist so etwas wie die Truman Show in den Kulissen der DDR. Weil seine Mutter, eine engagierte DDR-Bürgerin, im Oktober 1989 einen Herzinfarkt erleidet, als sie ansehen muss, wie ihr Sohn von ihrer Volkspolizei verprügelt wird, sieht sie nicht, wie ihre Republik verschwindet. Nach acht Monaten Koma erwacht sie wieder, und jegliche Aufregung, sagt der Arzt, könnte tödlich sein. So reanimiert Alex für seine bettlägerige Mutter ihre tote DDR. Denis, der Hobbyfilmer, macht die Aktuelle Kamera zu dem, was sie im Grunde schon immer war, eine Sendung, die dem Wohlbefinden eines einzigen Zuschauers verpflichtet ist. So geschieht es, dass, nachdem die Mutter irritiert die riesige Cola-Werbung hinterm Fenster sieht, das Fernsehen der DDR ein Joint Venture vermeldet und enthüllt, dass die Rezeptur in unserer Republik entwickelt wurde. Und mit ein wenig Engagement, das retrospektive Bier von hier hatte noch keine Konjunktur, findet Alex im Müll ein paar alte Gläser Spreewaldgurken, – die Westgurken werden umgetopft.

Natürlich, das ist kein perfekter Film, gelegentlich ist es auch ein dramaturgischer Knüppeldamm, wenn Alex die Erzählung im Off binden muss. Aber es ist ein schöner Film und ein nachdenklicher, das Mittel aus Trottas sehr schwerem Versprechen und Hausmanns sehr leichter Sonnenallee. Sensibel inszeniert, die komische Idee nicht zu Tode hetzend, eher im Understatement haltend. Ein genaues Interieur, die DDR-Zitate nie bis in die letztmögliche Karikatur treibend. Ein sehr guter Daniel Brühl, als der nette Kerl mit einem ernsthaften Ton darunter, eine noch bessere Katrin Saß, die überwiegend im Bett liegt und ihre schwierige Figur behauptet mit nichts als Gesicht und Ton. DDR-Schauspieler mit kleinen, genauen Studien, Christine Schorn, Michael Gwisdek, Jürgen Holtz.

Ihren stärksten, und schwierigsten, Moment hat Katrin Saß als sie den Kindern ihr Geheimnis erzählt, mit dem sie Jahre lebte, es hat mit ihrem Mann zu tun, der in den Westen ging. Schwierig, weil dieses Geständnis in der Figur nicht angelegt ist. Und da geht es, die Details mögen hier bedeckt bleiben, um eine Lebenslüge. Um die Frage, um die es auch diesem Film geht: War das Leben in der DDR, auch und vor allem für die, die es bewusst und gewollt lebten, eine Lebenslüge? Ungefähr so, wie die DDR, die Alex seiner Mutter inszeniert, eine Lüge ist, ein mildtätiger Selbstbetrug? Wolfgang Becker und Bernhard Lichtenberg bejahen diese Frage wohl, aber sie bejahen sie auf eine Weise, mit der auch leben kann, wen die Antwort betrifft. Mit Verständnis für die Option, sich diesem Gedanken verschrieben zu haben, mit Respekt vor einem persönlichen Engagement, mit Milde gegenüber einer Lebenslüge, sofern diese wirklich geglaubt war.

Die Inszenierung der DDR ist der heitere Aspekt dieses Filmes, die Frau, für die sie inszeniert wird, ihr ernsthafter. Und der Zuschauer, der einmal ein Bürger des rückblickend so skurilen Landes war, wird sich fragen dürfen, ob sein Leben nicht ein wenig dem der Mutter glich: Nur, dass er sein Zimmer durchaus hätte verlassen, die Inszenierung hätte bemerken können. Aber wer bemerkt schon eine Lebens-Inszenierung, wenn er eine Rolle darin spielt.

Gegen Ende hin scheint es manchmal, ganz leise, als könnte Katrin Saß lächelnd sehen, was ihre Kinder treiben und warum. Vielleicht, dass sie ihnen die Gaukelbilder läßt, weil auch sie Zeit brauchen zum Abschied. Und weil sie ein solcher Mensch ist, bekommt sie einen wunderschönen Bahnhof, der sehr weitläufig an Stanley Kubrick erinnert.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2003

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

Bilder: X-Verleih

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