K.af.ka fragment (Christian Frosch)

Im Schloss

„Die nächste Wahrheit“, so geht der letzte Satz, „ist aber nur, dass du den Kopf gegen die Wand einer türen- und fensterlosen Zelle drückst.“ Das ist der ganze Kafka und der ganze Film ist es auch. Denn Christian Frosch hat so etwas wie einen geschlossenen Raum geschaffen, von dem aus kein Weg in die wirkliche Welt führt. Kafkas Schloss als ästhetisches Labyrinth. Und es ist wie ein Wüten gegen die kulturellen Zumutungen dieser Welt. Zwar handelt der Film über die Briefe an die Verlobte Felice, eine Beziehung, die endet wie alles endet bei Kafka, doch von Kafka handelt er kaum. Denn Frosch inszeniert so forciert experimentell, dass das Sujet weitgehend verblasst. Die Briefe sind für den Film, was das Libretto für die Oper ist: unentbehrlich, doch verschwindend im Eigentlichen.

Man wird nach diesem Film nichts über Kafka wissen, was man nicht schon vorab wusste, doch wird man gesehen haben, was experimenteller Film sein kann. Diese angestrengte Künstlichkeit ist anstrengende Kunst und eher ein Analyseobjekt für Studenten als Kino für Zuschauer. Doch liegt eine zivilisatorische Kraft in dem Zwang zur Konzentration, was beinahe als ein Wert an sich gelten kann.

Dieser Film besteht aus zwei Ebenen, die nicht immer synchronisiert sind. Frosch legt ein Hörbild über einen Stummfilm. Die Briefe Kafkas in einer sanften Off-Stimme, dazu Geräusche, in deren ästhetischen Eigenwert sich der Regisseur hörbar verliebt hat: Das Schälen eines Apfels, das Reissen einer Tapete. Diese Tonspur ist das eigentlich Bemerkenswerte. Die 8-mm-Kamera assoziiert in fragmentierten, traumverlorenen Bildern die Imaginationen, die Kafka sich von der fernen Frau erschafft. Felice unter dem schützenden Wasserschirm eines Brunnens wie behütet vom Fieber der übrigen Bilder, die Kamera schwankt mitunter wie bei einer Überfahrt, Kafka wütet mit einem Stuhl gegen die Wand seiner Schreib-Zelle und die Frau lacht dazu. Doch im Ganzen verbreiten die prätentiösen Bilder, eine Hommage an den Stummfilm, eher Banalität, die sich nur auflöst in ihrer intellektuellen Rekonstruktion.

Selbst Cineasten werden einzuräumen haben, dass dieser Film mitunter etwas nervt. Doch wird man ebenso seiner kreativen Kraft den Respekt nicht versagen können. Frosch spielt mit der reinen Struktur, das ist so gekonnt wie es anstrengend ist. Und, wie man so sagt, etwas kafkaesk.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2003

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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