Cloud Atlas (Tom Tykwer, Lana und Andrew Wachowski)

Der blaue Schimmer der Erde – dort, wo einmal Menschen lebten

„Cloud Atlas“, ein Film, dessen bestechende Form manches vergessen macht, ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten.

„So glaube ich, verehrter Leser“, sagt der Verleger, „dass der Wahnsinn in dieser Erzählung Methode hat.“ Das ist das künstlerische Credo. „Wenn Gott“, sagt der junge Farmer, „die Welt erschaffen hat, welche Dinge dürfen wir dann verändern?“ Das ist das moralische Credo. Und die Antwort auf diese Frage wird knappe drei Stunden gegeben, und sie heißt: alle.

Dieser Film der Geschwister Wachowski („Matrix“) und Tom Tykwer („Lola rennt“) ist eine Merkwürdigkeit: Er ist als Gedanke, als geistiger Entwurf eher schlicht. Und als Film, als Kunstwerk so überzeugend, dass man das beinahe vergessen kann.

Es ist, nach dem Buch „Der Wolkenatlas“ („Cloud Atlas“) von David Mitchell, eine Geschichte, die etwa 500 Jahre umspannt. Im Eigentlichen aber sind es sechs Geschichten und sechs Filme. Diese zu einem gefügt zu haben, das ist die Kunst, die Leistung.

Doch in ihrem Grundimpuls sind diese sechs Geschichten auch wieder eine. Sie handeln alle vom Aufstehen und Aufbegehren; sie handeln vom Mut und der Angst und der Kraft, sie zu überwinden. Handeln also vom Menschen und dem, was ihn ausmacht.

Ein alter Mann steigt in einer Kneipe auf einen Tisch, das ist 2012. Ein junger Komponist rebelliert gegen einen alten, der ihn vereinnahmen will, das ist 1936. Ein junger reicher Farmer wird gegen die Sklaverei kämpfen, das ist 1849. Ein Atomwissenschaftler nimmt die tödlichen Intrigen seines Arbeitsgebers nicht hin, das ist 1972. Ein weiblicher Klon revoltiert gegen die Herrschaft der Konsumenten, das ist 2149.

Und ein Ziegenhirte lässt sich von den Göttern nicht einschüchtern. Das ist nach der Apokalypse, als die Welt schon untergegangen ist. Am Ende, ganz am Ende, wird dieser Mann irgendwo am Feuer sitzen und den Kindern zeigen, wo am Sternenhimmel der Planet Erde leuchtet. Es ist, sagt er, der blaue Schimmer.

Geschichten wie moralische Statements

Diese Geschichten sind alle, mit einer Ausnahme, so etwas wie moralische Statements, es gibt Sätze zum Mitschreiben, die könnten jedem Wort zum Sonntag, jedem gymnasialen Grundkurs Ethik eingefügt werden. Die Ausnahme bildet die Story des leicht verschlagenen Verlegers, den sein Bruder in einer Verwahrungsanstalt für störende Senioren entsorgt. Und dass diese Geschichte, auch bei näherem Hinsehen, die beste ist, das ist kein Zufall. Denn es ist eine Komödie und also nicht so pathostrunken wie die übrigen.

Jeder Fabelstrang hat hier sein eigenes Genre: Die Komödie, der Abenteuerfilm, der Politthriller, das Künstlerdrama, die futuristische Science Fiction und das apokalyptische Endzeit-Szenario. Als Geschichte ist die Komödie am besten, visuell die Science Fiction, was kein Zufall sein kann, schließlich haben die Wachowskis mit ihrer „Matrix“ etwas wirklich Innovatives geleistet.

Küchenphilosophie und bestechende Form

Und wie in der „Matrix“ kann man auch im Wolkenatlas über der bestechende Form vergessen, wie viel Küchenphilosophie und wie wenig wirklich erzählerische und geistige Substanz unter den Bildern liegt.

Ein grandioser Teil der Wirkung von „Cloud Atlas“ ist die Besetzung: Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant, Susan Sarandon in verschiedenen Rollen und Masken, die einen Oscar erhalten werden. Besonders Hanks blubbert vor Spiellust als prolliger Schriftsteller, der einen Kritiker vom Balkon feuert.

Und der Schnitt, auch einen Oscar wert. Die Regisseure lassen die verschiedenen Episoden ineinander laufen in Bild und Ton, führen sie parallel, lassen so die eine als Fortschreibung der anderen erscheinen. Das ist ein komplexes, innovatives Erzählkino. Lediglich die Albernheit der fragmentierten Endzeit-Sprache, die wäre entbehrlich.

Als Robert Altman die wunderbaren „Short Cuts“ machte, da hatte er Geschichten, die unmittelbar verbunden waren. Die Wachowskis und Tom Tykwer hatten sechs verschiedene und nicht besonders gute Geschichten. Daraus einen Film gemacht zu haben, das ist wirklich eine Kunst.

Henryk Goldberg, Thüringer Allgemeine 15.11.2012

Bilder: X-Verleih

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