John Irving im Gespräch: „Fünf Akte sind mir lieber als drei“

Szenenfoto: "John Irving und wie er die Welt sieht" (W-Film)
Szenenfoto: “John Irving und wie er die Welt sieht” (W-Film)

John Irving, Autor, Koch und Sportler, war am Wochenende in Zürich und sprach über die Tragödien, die in seinen Romanen stecken.

Sie haben mein Lieblingsbuch 2012 geschrieben.



Oh danke, das freut mich!

Andere Autoren in Ihrem Alter schreiben am liebsten über alte Männer, die sich in sehr junge Frauen verlieben. Sie hingegen veröffentlichen einen Roman über einen bisexuellen Mann, der sich am liebsten in Transsexuelle verliebt.

Meine Bücher haben nie mit meiner aktuellen Verfassung zu tun. Ich trage einen Stoff ewig lange mit mir herum, die ersten Notizen zu «In einer Person» machte ich vor gut zehn Jahren. Bei anderen Büchern dauert die Gärzeit auch schon mal zwanzig Jahre. Aber ich wollte immer schon die Geschichte eines bisexuellen Mannes meiner Generation erzählen, die Geschichte einer Minderheit innerhalb einer Minderheit. Heute ist das besser, aber als ich jünger war, wurde ja niemandem so sehr misstraut wie dem bisexuellen Mann: Die Schwulen dachten, der ist zu feige, um richtig schwul zu sein, und die Frauen fühlten sich sowieso bedroht.

«In einer Person» ist im Jahr des Präsidentschaftswahlkampfs erschienen. Wollten Sie damit etwa möglichst viele Republikaner provozieren?

Es ist ein Zufall, dass das Buch 2012 erschienen ist. Ich kann meine Bücher nicht timen. Auch wenn es so scheint, aber mein literarisches und mein politisches Leben laufen nicht synchron. Aber klar, in meinem politischen Leben setze ich mich für die Rechte von Schwulen und Lesben ein und engagiere mich aktiv für das Recht auf Abtreibung. Ich besuche Veranstaltungen, halte Vorträge.

Sie beschäftigen sich also gern mit zwei großen Feindthemen der Republikaner.

Ja. Ich habe in den letzten Jahren ganz ehrlich befürchtet, dass die Republikaner diese Wahlen gewinnen. Ich dachte, die sind jetzt mal klug und stellen jemanden auf, der in solchen Fragen offener denkt und den Wählern zugleich ökonomische Sicherheit verspricht. Stattdessen stellten sie Mitt Romney auf. Der einzig bei den weißen Männern über 65 eine Wählermehrheit hatte. Ich denke, die Republikaner können es sich in den kommenden vier Jahren nicht mehr leisten, weiterhin alles abzublocken, was von Barack Obama kommt, sonst verlieren sie jeden Rest von Glaubwürdigkeit. Ich bin mir zum Beispiel sicher, dass Obama das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe auf nationaler Ebene durchsetzen wird. Und das Recht auf Abtreibung wird nicht angetastet werden.

Woher kommt eigentlich Ihre Zuneigung zur Homo-, Bi- und Transsexuellenszene?

Ich habe in den 80er-Jahren in New York gelebt und geschrieben, und wie alle Kreativen damals hatte ich sehr viele homosexuelle Freunde. Und dann kam – was ja auch in meinem Roman sehr wichtig ist – Aids. Die Epidemie, die Seuche. Man kann sich in Europa gar nicht richtig vorstellen, wie schlimm das damals in Amerika war. Viele, viele meiner Freunde waren HIV-positiv, viele starben, und wer nicht HIV-positiv war, hatte Schuldgefühle. Ich habe meine Freunde in den Tod begleitet, zu Hause, bei ihren Familien, die oft erst erfuhren, dass der Vater schwul war, wenn er im Sterben lag. Und in Sterbehospizen, in denen nur Aidskranke lagen. «In einer Person» ist deshalb eins meiner Bücher, das mir am nächsten liegt, für das ich am wenigsten recherchieren musste. Ich kannte das alles.

Im Dokumentarfilm «John Irving und wie er die Welt sieht» sind Sie aber ständig auf großen Recherchereisen anzutreffen.

Ach, der Film! Die armen Leute mussten sich da eben etwas überlegen, wie man mein Leben interessanter machen kann. Der größte Teil davon besteht aus mir an meinem Schreibtisch, und fertig. Daraus macht man keinen Film. Aber ich reise gar nicht so viel, wie es der Film suggeriert. Für «In einer Person» habe ich bloß einen Travestieclub in Hamburg besucht und mich schlaugemacht, wie ungefähr ein Schwulenlokal in Madrid während der Franco-Zeit ausgesehen haben könnte. Nämlich unvorstellbar zahm im Vergleich zu heute.

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«Ich stelle mir meine Figuren oft wie auf einer Bühne vor.»

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Aids ist im Roman auch dramaturgisch wichtig. Wir erleben das vielfache sexuelle Erwachen eines jungen Mannes, alles ist leicht und frivol. Dann bricht Aids ein wie in einer Tragödie von Shakespeare. Sie denken gerne theatral, oder?

Oh ja, ich liebe Shakespeare und Ibsen, und fünf Akte sind mir immer viel lieber als drei. Und ich stelle mir meine Figuren oft wie auf einer Bühne vor. Ich frage mich: Was passiert jetzt mit dem ganzen Menschen? Das macht eine Figur auch physisch griffiger, sinnlicher. «In einer Person» beginnt auch im Theater: Eine Laiengruppe probt Ibsen, die Mutter des Protagonisten ist Souffleuse, wie übrigens auch meine Mutter. Gut, meine Mutter war viel dominanter als die Mutter im Buch. Wenn sie einem Schauspieler etwas einflüsterte, dann tat sie es extra laut, um ihn als Versager zu entblößen. «In einer Person» handelt ja auch durchwegs von Rollenspielen, von Identitätsspielen. Manche sind offensichtlich wie etwa Travestie auf der Bühne, andere beschäftigen sich mit der Suche nach sexueller Identität. Und ich liebe diese Idee der Vorbestimmtheit, die schon in der klassischen griechischen Tragödie so wichtig war. Also dieses Wissen, diese latente Drohung, dass es Figuren, die man besonders gern hat, besonders schlimm an den Kragen gehen wird. Das ist in all meinen Büchern so.

«In einer Person» ist auch eine Liebeserklärung an die Literatur. Billy, der Hauptfigur, eröffnen sich viele Erfahrungen erst übers Lesen. Er erkennt zum Beispiel anhand von «Madame Bovary», dass er nicht für die Monogamie gemacht ist.

Flaubert arbeitet auch sehr schön mit diesem Moment der Vorbestimmtheit. Ich gebe zu, ich bin in meinem Literaturgeschmack altmodisch und europäisch. Die moderne amerikanische Literatur liegt mir nicht – Faulkner, Fitzgerald, Hemingway zum Beispiel sagen mir einfach nichts. Nur Melville und Hawthorne, aber die stammen ja wie ich aus New England und zählen für mich schon fast zu den Briten. Ich liebe nämlich die Briten, zuallererst Shakespeare, dann Charles Dickens und Thomas Hardy, etwas weniger die Franzosen und Russen und von den deutschen Autoren am meisten Thomas Mann. Das ist wohl so, weil ich als Kind eine Schule besuchte, die sehr britisch orientiert war.

Kommen wir auf den Film zurück: Die größte Überraschung ist, dass Sie einen Pizzateig erfunden haben. Stimmt das?

Ehrlich, das ist nicht meine Erfindung. Zuerst hat mir ein italienischer Freund davon erzählt, er sagte, nimm einen Esslöffel Honig auf drei Tassen Mehl, das macht den Teig aromatischer. Ich hab das Rezept in all den Jahren bloß in einem einzigen Kochbuch gefunden, es stammt von einem nach Amerika ausgewanderten Österreicher. Da stand ich also eines Tages in dieser Restaurantküche in Toronto und recherchierte für «Eine Nacht in Twisted River», und eine junge Köchin sagte: «Ich hätte so gern einen leicht süßlichen Pizzateig, aber immer, wenn ichs mit Zucker versuche, schmeckts mir nicht.» Ich sagte: «Dann nimm doch einfach Honig!» Seither heißt es, ihr Pizzateig sei «nach einem Rezept von John Irving» entstanden.

Kochen Sie gerne?

Ja, sehr gerne. Schon ewig. Meine Mutter war keine gute Köchin, meine Grosseltern interessierten sich auch nicht dafür. Essen war einfach etwas, das erledigt werden musste. Und das Kantinenessen in meiner Schule war so grässlich, wie ein Kantinenessen nur sein kann. Aber die Mutter eines Freundes, sie war halb Schweizerin, halb Algerierin, die beherrschte diese wundervolle südfranzösische Küche. Sie kochte mit Olivenöl statt Butter, und ihre Saucen hatten immer diese leckere Tomatenbasis. Sie war die Erste, die mich fürs Kochen begeistern konnte. Und so habe ich als Teenager selbst zu kochen angefangen. Später habe ich als Kellner gejobbt und in Restaurantküchen, wo ich es bis zum Souschef brachte.

Sie schreiben sinnlich, Sie kochen gern, und Sie können ohne körperlichen Ausgleich nicht arbeiten. Ich habe gehört, es gehe Ihnen nur gut, wenn Sie zwei Stunden täglich trainieren.

Ich habe mit 14 Jahren angefangen, eine bestimmte Anzahl an Trainingsstunden in meinen Körper hineinzupumpen, und das ziehe ich durch, jeden Tag. Andere Leute haben andere Rituale, das ist meins. Ohne halte ich es nicht aus.

Mit John Irving sprach Simone Meier (erschienen in Tagesanzeiger.ch, 12.11.2012)

John Irving: In einer Person.
Roman. Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog und Astrid Arz
Diogenes, Zürich 2012. 722 Seiten

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