Effi Briest (Hermine Huntgeburth)

Claras Schwester

„Effi Briest” als ansehbare Vorkämpferin der Emanzipation

Das Kind hat ein Gedicht zu lernen. Der Vater examiniert sie, Geert von Instetten ist nicht zufrieden mit seiner Anna. Und es ist, als nörgele Thomas Buddenbrook mit seinem Hanno.

„Effi Briest” (1895) ist das wunderbare Werk eines alten Mannes, der die Ausweglosigkeit seiner Leute gleichsam mit traurigem Behagen erzählt. Behaglich sind die Räume dieser Geschichten, behaglich der Fluss des Erzählens selbst, wenn der Alte sich zurücklehnt und mit altersweiser Schönheit, mit einer Pusseligkeit, die selbst schon eine Melancholie ist, die Traurigkeit dieser Welt verplaudert. Dieser Ton, der seltsam distanziert und teilnehmend in einem klingt, ist kaum in Dramatik zu übersetzen, vor zehn Jahren hat es der früh verstorbene Thomas Potzger mit einer intelligenten Spielfassung in Weimar versucht. Nun unternimmt es Regisseurin Hermine Huntgeburth (Die weiße Massai) und sie tut es auf die Weise, die derzeit im deutschen Kino angezeigt scheint, wenn man Seriosität und Breitenwirkung verbinden will: Wie die „Buddenbrooks” ist das eine gediegene Inszenierung, gut ausgestattet und gut gespielt. Man kann sich das anschauen und wird sich auf ansprechende Weise unterhalten finden.

Das verdankt sich zuerst Julia Jentsch, eine wunderbare Schauspielerin. Sie verströmt eine große, sensible Verletzlichkeit und scheint doch von einer Aura umgeben, die ihre Figuren, wie schon Sophie Scholl, schützt wie ein geheimer Zauber. Irgendwo in dieser Frau ist ein unberührbarer Kern, auf den die Welt keinen Zugriff hat. Ihr Mann allerdings schon, in der Hochzeitsnacht schreit sie unter der Brutalität des Barons. Und das ist ein Problem, sozusagen, denn Sebastian Koch ist als Mann, wie man so sagt, eine Erscheinung, ein Mann, der den Eindruck erweckt, als könne er es besser. Wenn Effi in den Wehen schreit, dann muss Koch demonstrativ einen Brief lesen, als habe die Regisseurin geahnt, dass dieser Schauspieler im Eigentlichen nicht dieser Typ ist, den sie braucht. Neben ihn verkommt der Major, der die Liebe bringt, zum netten Freizeit-Giggolo.

Huntgeburth erzählt sehr visuell, gediegen im Handwerk, auch die Tonspur spielt mit, Effis Sätze wirken da hineingetupft wie Farben eines Bildes.

Im Übrigen geht es gut aus. Effi arbeitet in einer Leihbibliothek, sie raucht ihren Eltern ins Gesicht, sie sagt Sätze wie „Ihr Heuchler, ich hasse euch”. Und ihre Tochter erlebt sie als dressiertes Mädchen, dass, wenn es eine Frau sein wird, einem Mann wie ihrem Vater viel Freude bereiten kann. Nicht, dass der Schluss geändert wird ist das Problem: Dass er so geändert wird: so didaktisch wie im Emanzipationsseminar, so aufdringlich wie der Soundtrack. Da verliert die Regisseurin, die sonst eine gediegene Inszenierung bietet, jegliches Maß. Und es ist, als würde Effi Briest nächstens bei Clara Zetkin vorbeischauen.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben März 2009

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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