American Psycho

Die Karriere des Nichts

„Ich nehme die Eispackung ab, benutze eine Reinigungslotion mit Tiefenwirkung, die die Poren öffnet, trage dann eine Kräuter-Minz-Gesichtsmaske auf, die ich zehn Minuten lang einwirken lasse, während ich mich meinen Fußnägeln widme. Anschließend verwende ich die Probright-Munddusche und danach das Interplak-Zahncenter, das auf 4200 Umdrehungen in der Minute kommt und 46mal in der Sekunde die Drehrichtung ändert; die längeren Borsten säubern die Zahnzwischenräume und massieren das Zahnfleisch, während die kürzeren die Zähne polieren.«

Und so weiter, 549 Seiten. Dazwischen alle Markennamen dieser Welt, viele Frauen sowie, in ihnen, eine Schlagbohrmaschine. Und Patrick Bateman natürlich, aber den sieht man eigentlich gar nicht.

Wenn es gelegentlich, in einigem Ernste, hieß, Bret Easton Ellis‘ 1991 erschienener Roman »American Psycho«sei das wichtigste Buch des Jahrzehnts, so heißt das, dass etwas nicht stimmt. Es heißt, dass die Austräger dieser Meinung so sind wie Patrick Bateman: so unvorhanden, so auf Markennamen fixiert, die nichts mehr bedeuten. Nur, dass es hier nicht um das Label der Anzüge geht, es geht um das der Ansichten. Sinnverlust und so. So wurde dekretiert, diese Buch zeige erschreckend die kalte Welt der achziger, der Wall Street. So hat das Nichts Karriere gemacht.

Patrick Bateman, steinreich und abgrundleer, pflegt seinen Körper, seine Textilien, und seine Essgewohnheiten, manchmal ist auch eine Frau dabei. Ellis beschreibt die Markenwelt seines Mannes mit eben der teilnahmslosen Katalogprosa, mit der er dessen monströsen Morde beschreibt. Nach 100 Seiten weiss man alles über dieses Buch, dann beginnt es, sich selbst zu reproduzieren. Das ist, was immer es sonst noch sein mag, langweilig. Und Langeweile kann eine Provokation nur von einem ideologischen Standpunkt her sein, nicht von einem künstlerischen.

Ellis, dessen Buch in der Idee besteht und seiner Bereitschaft, den Leser zu nerven, ästhetisiert seinen Mann und seine Geschichte in eine solch monströse Entfernung, dass die Worte aufhören, etwas anderes zu bedeuten als sich selbst. Und so wie er den Umstand, dass die großen Markennamen für nichts Wirkliches mehr stehen außerhalb ihres Klangs, in eine erzählerische Struktur übersetzt, indem er sie sprachlich vernutzt, so tut er es mit den Worten des Mordes und der Perversion. So kommt es, dass »Armani« und »Blut«, »Gucci« und »Gedärm« ungefähr zu Worten einer gleichen, nichts mehr aussagenden, Bedeutungsebene werden. Das mag die ins Monströse gewendete Beschreibung einer verlorenen Sinnstiftung sein, die ihre leeren Räume mit Worten tapeziert, zugleich ist aber die Erzeugung von Ermüdung zum Zwecke ihrer Beschreibung doch ihrerseits eher eine Ermüdung als ein wichtigstes Buch. Und hätten sich nicht, erst in den USA, dann in Deutschland, wo das Buch auf dem Index jugendgefährdender Schriften steht, die intellektuellen Markenfetischisten und die feministischen Ideologen daran abgearbeitet, so wäre das kühl kalkulierte Kotzen, das der damals 25jährige Ellis der erwartungsgemäß reagierenden Welt servierte, wohl nicht in den Rang einer Zeitzeugenschaft erhoben worden.

Nun gibt es den Film und daran ist wohl nur erstaunlich, dass es ihn erst jetzt gibt. Mary Harron schafft eine Atmossphäre jenseits des Wirklichen, kühle Farben, ein bläuliches Licht wie aus dem Kühlschrank, ein cinastischer Cleanroom, eine Versuchsanordnung im Labor. Christian Bale ist, sehr überzeugend, sehr genau die Wesenlosgkeit des Monsters erfassend, die Ratte in diesem Labor. Und ungefähr so interessant ist er auch.

Durch die Bilder entsteht eine Art von Realität, wo das Buch vom Nichts handelt. Das ist im Grunde, trotz einer guten Inszenierung, noch langweiliger, denn es ist schon anstrengend, einem Nichts zuzusehen, das nichts zu entwickeln hat. Natürlich ist Harrons Haltung eine satirische, wie sonst. Doch das, was an dem Buch noch als Provokation empfunden werden konnte, schlägt hier um in Gleichgültigkeit. Denn natürlich kann das Zerlegen von Frauen nur im Zitat, in der dezenten Andeutung gezeigt werden. Und natürlich werden die Markenartikel hier nicht vorgelesen, sondern benutzt und das ist weniger nervig als ihre Aufzählung. So fehlt dem Film die gewollte Ignoranz des Buches, gegenüber Stil und Geschmack. So fehlt ihm also der hingekotzte Überdruss, so ist er auf seine Weise schön und harmlos.

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