Abschied – Brechts letzter Sommer (Jan Schütte)

Die Birken in Buckow

Jan Schüttes Film zu Brechts »Elegien«

Der Fahrer hat eine Autopanne im märkischen Sand. Als er, nachdem er das Rad gewechselt hat, die Kontrollstelle passiert rügt ihn der Stasioffizier: »Sie kommen spät«. «Ich musste das Rad wechseln« entgegnet der Fahrer. Das erste Gedicht der »Buckower Elegien«, die Brecht 1953 schrieb, heißt »Der Radwechsel« und die zweite Zeile darin geht «Der Fahrer wechselt das Rad«.

Die Szene, eine wunderbare Erfindung des Autors Klaus Pohl, ist ein Spaß für Leute, die sich in Leben und Werk Bertolt Brechts ein wenig auskennen und sie ist eine Haltung. Denn diese Elegien kanalisieren die Verzweiflung des Kommunisten in Poesie. Und im Geiste dieser Gedichteund in dem ihrer Hilflosigkeit, inszeniert Jan Schütte Brechts »Abschied«, den letzten Tag, den er im August 1956 auf seinem Landsitz Buckow verbrachte. Und am Ende dieses Tages wird man Wolfgang Harich von seinem Motorrad reißen, das unmittelbar hinter Brecht fährt und dieser wird es nicht bemerken. Die so umsichtig wie demutsvoll dienende Helene Weigel wird auch dafür Sorge getragen haben.

Der See liegt verlassen im Gegenlicht, ehe sich die Kamera im Dunkel des Gesträuchs verfängt. Eine kleines Feuer brennt, jemand treibt Gymnastik auf einem erhöhten Platz, jemand sagt im Radio »Parteiausschlüsse«, grüne Uniformen kontrollieren die Zufahrt und Brecht zieht ein Manuskript aus der Schreibmaschine. Das Radio warnt vor Waldbrandgefahr durch offenes Feuer und Helene Weigel steht am Fenster und raucht. Wie man so mit dem Feuer spielt und doch Abstand hält zu dem Wald, in dem es gefährlich ist. Und Ruth Berlau ist besoffen.

Jan Schütte inszeniert einen Tschechow-Ton unter märkischen Birken, feingliedrige Impressionen eines Endes. Alle Gefährdungen gekannt und keine Lösung gewusst. Allen Melancholien gelauscht und keine Kraft geschöpft. Ein Endspiel. Und Ruth Berlau mischt eine Flasche eigenen Urins unter die Flaschen in der Küche. Und der, dem der verzweifelte Aufschrei der Verstoßenen galt, wird sterben in dieser Woche. Die Rede wird Walter Ulbricht halten. Und Wolfgang Harich, mit dessen Frau der Dichter schlief, bekommt zehn Jahre.

Das ist ein kleiner, wiewohl kräftiger und sehr sehenswerter Film. Er stimmt nicht in allen seinen Details, Harich wurde später verhaftet, aber er stimmt in seinem Ton. Klaus Pohl und Jan Schütte versammeln die Brecht-Gemeinde der letzten Jahre in Buckow: Helene Weigel und Tochter Barbara, Wolfgang Harich und Isot Kilian, Elisabeth Hauptmann und Ruth Berlau, Käthe Reichel, Manfred Wekwerth und Peter Palitzsch. Die Komiker. »Was habe ich vorhin gesagt? Palitzsch, schau in deine Notizen«. Es geschieht.

Und das Zentralgestirn um das sie alle kreisen. Einen Mann, der Angst hat, einen Mann, der irritiert ist, wenn es seiner Frau einmal nicht gelingt, was ihr doch meist gelang, Probleme fern zu halten von ihrem Verursacher. »Wie viele Ziegen hast du zur Zeit?« fragt aggressiv Ruth Berlau. »Statt dass du dich freust, wenn es mir gut geht. « entgegnet beleidigt Bertolt Brecht.

Ein Mann, der die Fragen kennt, aber nicht die Antworten. Denn gäbe er sie, würde er sein Bild von sich so beschädigen, wie er es beschädigt durch die Verweigerung. Es ist alles eins und nichts ist gut.

»Holst du mir bitte«, sagt Bertolt Brecht zu Käthe Reichel, seiner Geliebten, »die Shakespeare-Sonette aus der Bibliothek?« Die junge schöne Frau bleibt einen langen Moment reglos sitzen, dann steht sie auf. Und sagt, im Gehen, »Nein«.

Es ist, als spielten Pohl und Schütte hier eine Kurzgeschichte Brechts, es ist, als kreuzten sie auf subtile Weise Brechts Werke und Brechts Leben. »Der preußische Adler / Den Jungen hackt er / Das Futter in die Mäulchen.«und wir sehen die jungen Preußen. Und die vor sich selbst flüchtende Verzweiflung des Mannes, der nur seine unveröffentlichten Gedichte hat gegen seine jungen Freunde, die seiner Frau in ihrem eigenen Garten einen Platz anbieten, und die ihn zuweilen erinnern an seine alten Feinde. Und seine neuen Freunde ehren ihn auf eine Weise, die schmählicher ist als jede Polemik. Die Pioniere kommen, »unseren großen Heimatdichter« zu ehren. Und ein Kind leiert die »Erinnerung an die Marie A.«Verse, die zum Kanon der Lyrik deutscher Sprache rechnen. So möchte kein Hund geehrt werden. So hat jegliches seinen Preis.

Josef Bierbichler ist Bertolt Brecht. Wo dieser hager war, ist jener massig. Aber er spielt ihn mit einer süddeutschen Kantigkeit, einem Granteln, einer verfallenden Sinnlichkeit, dass man vermeint, eine Ähnlichkeit zu erspüren, wo keine zu sehen ist. Er balanciert, wie der Film, glänzend auf dem schmalen Grat zwischen der überzeitlichen Bedeutung des großen Mannes und seiner zeitlichen Kleinheit.

Wolfgang Harich und Isot Kilian schlafen miteinander. »Ich habe«, sagt Harich, »das Gefühl, wir werden überall beobachtet«, er meint es politisch. In der Tür aber steht der Dichter Bertolt Brecht. Er meint es sexuell.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 2000

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

Bilder: Pegasos

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