Hero

 

Das Lied ohne Seele

Im Kino: „Hero“, betörend schön, verstörend kalt

Zwei Männer kämpfen. Der alte blinde Musiker tastet sich davon, sein Stock klackt wie ein Metronom. Verehrter Herr, sagt einer der Kämpfer, spielen Sie uns bitte noch ein Lied. Er spielt ihnen das Lied von Tod.

Hero von Zhang Yimou ist für den Martial Art Film vielleicht so etwas wie es Spiel mir das Lied vom Tod von Sergio Leone für den Western war. Denn wie dieser komprimiert er das Wesen eines Genres, das die Summe zelebrierter Rituale ist, bis in seine extreme Gestalt. Doch anders als der Italiener erzählt der Chinese eine dem Genre fremde Geschichte. Es ist, als würde Charles Bronson Henry Fonda beim Bau der Eisenbahn unterstützen, weil sie nützlich ist. Die Helden solcher Filme aber kämpfen nicht für einen abstrakten historischen Fortschritt, sie kämpfen für eine konkrete menschliche Moral.

Zhang Yimou ist der Regisseur international bedeutender Filme wie „Das rote Kornfeld“ und „Rote Laterne“, die auf westlichen Festivals populärer waren als im offiziellen China. Nun hat er mit „Hero“ einen Film inszeniert, dessen betörende Schönheit überschattet wird vom Ideologieverdacht. Es ist ein Film, dessen Wesen in der Suche nach Schönheit liegt und der sich in einem ideologischen Umfeld schützt durch eine patriotische Geschichte.

Shi Hu-ang Ti, König der Quin, begründete 221 v. Chr. Das geeinte Kaiserreich China, vereinheitlichte Schrift und Kultur. Die historisch notwendige Schaffung einer Zentralgewalt durch Aggression und Alleinvertrerung wird in ideologisch beherrschten Systemen im Dienste der Selbstlegitimation stets einseitig heroisiert, aus der anderen Perspektive, für die Delegitimation, ebenso einseitig verurteilt wir wissen, wie lang es brauchte, ehe das deutsche Jahr 1871 ideologiefrei betrachtet werden konnte.

Und Zhang Yimou erzählt nun, dass dieser aggressive, brutale Reichsgründer ein verständiger Mann sei.

Der Schwertkämpfer Namenlos berichtet dem König, dass er die drei gefährlichsten Attentäter getötet habe und wie ihm das gelang. Doch der König ahnt eine andere Wahrheit: Dies ist ein inszeniertes Spiel, um Namenlos das Vertrauen des Herrschers zu gewinnen, und Namenlos ist der eigentliche Attentäter. In drei Rückblenden werden, wie in Rashomon, drei Varianten der Ereignisse berichtet, doch anders als bei Kurosawa ist hier nur eine zutreffend. Und in diesen Rückblenden, eine jede hat ihre eigene farbliche Grundstimmung, ereignet sich der eigentliche Sinn des Filmes: Schönheit. Das ideologisch-philosophische Gespräch mit dem König, das die Botschaft enthält, ist nur die dramaturgische Klammer, die wenig zu tun hat mit dem Inneren der Bilder.

Die Schwertkämpfer Fliegender Schnee und Zerbrochenes Schwert befassen sich mit Kalligraphie. Sie schreiben kunstvolle Zeichen in den Sand, später, in einen Kampf von träumerisch-unwirklicher Schönheit, später werden Schwerter auch Zeichen auf das Wasser schreiben, das für Momente verharrt, das Wasser, von dem die Kämpfer sich abzustoßen vermögen wie von einem magischen Trampolin. Neunzehn Zeichen gibt es für das Wort Schwert, sie werden ein zwanzigstes schaffen und es bedeutet Alle unter dem Himmel. Das Zeichen der Einheit und der Alleinherrschaft.

Die Kämpfe sind in der Tat kalligraphisch: wunderbar filigran, gleichsam zerbrechlich, ihr Wesen liegt in ihrer Form. In der Schule der Kalligraphie schreiben ihre Schüler unbeirrt Zeichen in den Sand, während es Pfeile regnet und dann tanzt eine Frau in rot wehender Seide ihren Tanz gegen die schwarze Todeswolke, eine Fee zelebriert ihren Zauber. Und es regnet goldene Blätter, die sich später blutrot färben, in ein jenseitig schönes Bild, während zwei Kämpferinnen durch die Luft treiben, auch sie schwebend wie Blätter, getragen von einem mythischen Wind. Doch anders als in der Matrix entsteht hier niemals Albernheit, weil dieser asiatischen Kampfkunst von Anfang an ein Moment der Spiritualität eingeschrieben ist. Doch wiederum anders als bei Tiger and Dragon wirkt diese betörende Schönheit kalt und konstruiert: Sie hat keine Seele. Denn für Zhang Yimou ist die Geschichte seiner staatstragenden Helden erkennbar nur der Vorwand, es fehlt diesen Kämpfern an einem inneren Feuer, das sie treibt und leitet, sowie es dem Regisseur an einer Haltung fehlt. Er liebt seine Geschichte nicht, er benötigt sie als politisch korrekte Folie. Der ideologische Aspekt ist außerhalb Chinas ein rein theoretischer, aber er nimmt der Geschichte ihre Kraft. So wird Hero zu einer Abfolge betörender Martial-Arts-Clips.

Musik und Kampf streben nach Vollendung sagt einer der Kämpfer. Doch jede wirkliche Vollendung trägt einen Grund in sich. Vielleicht sind die Saiten des blinden Musikers deshalb gerissen: weil diesem wunderschönen Lied eine Seele fehlt.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben  2003

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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