Chihiros Reise ins Zauberland (Hayao Miyazaki)

Eine Badekur

Zauberhaftes Kino

Die Welt ist ein anstrengendes Geschäft. Acht Millionen Götter versehen den Dienst an ihr und am Abend benötigen sie ein wenig Entspannung im Badehaus. Das wird geleitet von der Hexe Yubaba, in deren Reich Vollbeschäftigung herrscht, jeder, der um eine Arbeit bittet, bekommt sie auch. Das hat seinen Preis. Yubaba herrscht über ihre Mitarbeiter, indem sie ihnen ihre Namen nimmt. Der Heizer des Badehauses sieht aus wie ein melancholischer Erfinder, dessen Mutter eine Spinne war, und mit den unermüdlichen Bewegungen seiner sechs Arme steigert er das Bruttosozialprodukt des Götterbades. Dieser hyperaktive Heizer, heißt es, ist das Selbstbildnis des Regisseurs.

Hayao Miyazaki ist so etwas wie der Altmeister des japanischen Zeichentrick. Chihiros Reise ins Zauberland ist der erfolgreichste japanische Film aller Zeiten, er gewann im vergangenen Jahr den Goldenen Bären nicht als Animation, als bester Film überhaupt , und in dieser Saison den Oscar für den besten Animationsfilm. Und wer ihn sieht, begreift, dass das in der Ordnung ist.

Der menschenleere Vergnügungspark, in den Chihiro mit ihren Eltern gerät, ist der Albtraum eines pessimistischen Zivilisationskritikers, die Kulissen einer Gespensterstadt. Und Chihiros Eltern, darin liegt Konsequenz, fressen an der Bar wie die Schweine, bis sie es tatsächlich sind. In der magischen Badeanstalt schuften kleine, entindividualisierte Rußmännchen unter den Kohlen. Ein gesichtsloses Gespenst verteilt Gold und frisst viele von denen, die es begierig greifen nur dem Mädchen gegenüber, dem das Gold gleichgültig ist, wird das Monster hilflos. Ein ekler Faulgott kommt in das Bad gekugelt, eine amorphe, bewegliche Jauchegrube und erbricht all den Zivilisationsmüll, den er fressen musste tatsächlich ist es ein Flussgott.

Hayao Miyazaki hat als Autor seinen Film mit Bedeutung aufgeladen, die sich dem kindlichen Zuschauer nicht erschließen wird doch ist das für den Spaß an dieser Reise ins gesellschaftliche Zauberland ohne Bedeutung. Denn dieses ist, nebst den Bewohnern, von denen es bewimmelt wird, höchst zauberhaft. Miyazaki gestaltet opulente Hintergründe, poetisch-bedrohliche Landschaften und Räume, und Figuren, die zeichnerischen Eigenwert gewinnen, wie etwa die Hexe mit ihrem bemerkenswerten Kopf. Die Qualität dieses Filmes ist die einer wunderschönen, spannenden Oberfläche, unter der man sich Bedeutung denken kann, aber nicht muss. Ein ganz anderer, ein viel ernsthafter Ansatz als bei den Animationen aus dem Hause Disney und dennoch ein Hochvergnügen.

Dieser magische Krieg im Badehaus bekommt tatsächlich wie eine Badekur.

Autor: Henryk Goldberg

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere