Die Unglaublichen

Die verbotenen Helden

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Mann. Er  wirkt ein wenig oversized für diesen Job am Schreibtisch. Und dass er der alten Dame leise rät, wie sie der Versicherung doch noch ans Geld kann, rechnet auch nicht zu den Tätigkeitsmerkmalen eines Schadenssachbearbeiters.

In der Tat, der Mann ist Mr. Incredible, und er steht unter Berufsverbot. Denn Mr. Incredible ist von Beruf Superheld. Nun aber hat ihm das Superheldenschutzprogramm zu einer neuen Identität verholfen: Mr. und Mrs. Parr leben samt ihren Kindern in einer amerikanischen Vorstadtsiedlung und er verdient das Geld in einer, ächz, Versicherung. Manchmal hebt er aus Versehen diese blöde kleine Auto hoch, mit dem er von seinem blöden kleinen Chef zu seinem blöden kleinen Häuschen fährt. Da wundert sich dann der niedliche kleine Nachbarjunge.

Manchmal trifft sich Mr. Parr, der eigentlich Mr. Incredible ist, mit seinem alten Kumpel Frozone im Auto, die Gattinnen wähnen sie beim Kegeln, und dann hören sie heimlich Polizeifunk. Hier einen riesigen Brand löschen, dort einen gefährlichen Verbrecher  fangen. Manchmal fällt ein Haus um. Die beiden Helden müssen ihre Heldentaten konspirativ vollbringen, nur fürs ego. Sie dürfen sich nicht beim Weltretten erwischen lassen, nicht von der Regierung und von ihren Frauen gleich gar nicht. Denn nachdem Mr. Incredible einmal einen Mann gegen dessen Willen rettete und dieser Schadensersatz von der Regierung forderte, ist das Superheldenwesen verboten. Doch natürlich bekommen Mr. und Mrs. Parr, deren einstiger nome de guerre Elastigirl war, noch Gelegenheit, die Welt zu retten, doch dann ist der schönere Teil dieses Filmes bereits vorbei.

Die Unglaublichen wurde von Brad Bird in den Pixar Studios gedreht, es ist die gleiche Truppe, die im vergangenen Jahr mit Findet Nemo die Haifische domestizierte und einen dicken Fisch an Land zog. Dieser Film lebt zu Beginn von der tiefen Ironie seiner Story, die das amerikanische Rechtssystem mit seinen überbordenden Schadenssersatzprozessen karikiert  wobei, wer einen Sinn dafür hat, der besondere Witz den Umstand entspringt, dass ausgerechnet in Amerika das Heldentum verboten wird. Da entsteht, wenn dieser Kraftkerl in sein kleines Auto gesperrt wird wie in sein kleines Bürgerleben und beides trotz seines guten Willens zu sprengen droht, viel  Witz in Wort und Bild. Dann allerdings, wenn tatsächlich die Welt zu retten ist, dann verströmen Mr. Incredible und seine unglaubliche Familie ungefähr den Witz und den Charme von Arnold Schwarzenegger. Weil Brad Bird, der mit der Kostümbildnerin Edda eine wunderbar skurrile Figur erfand, sich dann ganz der Action ergibt und sich in die technischen Möglichkeiten seiner Figur verliert und die Story stottern lässt. Eben darum vermag ich der umgehenden Euphorie nicht  zu folgen, im Mittelteil ist das ein eher langweiliger Film. Gewiss, es ist selten, wenn im Trickfilm Menschen animiert werden, gewiss, die Technik ist wieder einen Schritt weiter. Gewiss aber auch:Unter den vielen Revolutionen des Animationskinos ist das eine der kleineren.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben  2004

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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