Im Hotelzimmer, sagt Rolf Aldag, denke man schon mal nach, ob es denn besonders schlau sei, mit 95 km/h den Berg runter zu fahren auf 21 Millimeter breiten Reifen und einer klassischen Seilzugbremse. „Dann wirst du sagen, es ist nicht wirklich schlau“. Die Tour de France zu fahren, das wird man überhaupt nicht schlau nennen wollen. Nur eindrucksvoll.

Denn die Tour, nach Olympia und der Fußball-WM als das drittgrößte Ereignis des internationalen Sports geltend, ist mit Sicherheit das brutalste, das härteste, was der große Sport zu bieten hat. Nicht die einzelne Etappe, aber die Summe der drei Wochen. Was hier an 21 Tagen den Teilnehmern an Kondition und Leidensfähigkeit abgepresst wird, das vermag kein Boxer zu mobilisieren, dessen Wettkampf eine Dreiviertelstunde dauert und ein Fußballer gleich gar nicht. Es ist wohl kein Zufall, dass es nur wenige sportliche Disziplinen gibt, das Boxen vielleicht noch, die so sehr ihre eigenen Mythen ausgebildet haben. Und die meisten dieser Mythen leben von der Leidensfähigkeit ihrer Helden, weil einer ohne diese Fähigkeit nicht nur nicht siegen kann, er kann auch nicht ankommen.

„HöllenTour“ nennt der Oscar-Preisträger Pepe Danquart seinen Film über die Tour und das ist ein sehr treffender Titel.

Man muss wahrscheinlich, wie der Regisseur und, übrigens, auch der Autor dieses Beitrags, ein Fan und Liebhaber dieses Sportes sein, um den Film so zu mögen, wie Danquart seine Protagonisten mag. Der Regisseur will hier nichts erklären, nichts aufdecken, nichts recherchieren, er nur will seine Liebe und seinen Respekt zum Ausdruck bringen. Das bedeutet auch, sich diskret im Hintergrund zu halten. Da wird nichts avantgardistisch geschnitten oder intellektuell kommentiert, da findet nur statt, was sich als Bild zeigen lässt. Man mag sich auch einen anderen Film vorstellen über die Problematik dieses Sportes, das hier ist ein Film der Liebe.

Danquart macht diesen Film über die Tour 2003 wie einen Film über ein Theater, bei dem es nicht wirklich um die Inszenierung geht, sondern um die, die sie machen. Arbeitslicht auf der Bühne, Erschöpfung in den Garderoben und nur manchmal ein paar Szenen. Das Rennen also und dann Erik Zabel und Rolf Aldag. Die sind elf Touren zusammen gefahren, elf mal drei Wochen in einem Zimmer, wie ein Ehepaar. Du weißt, sagt Zabel, wer die Macht hat und die Fernbedienung. Die wissen wer wann schnarcht und die sind in mancher Hinsicht ungeschützter voreinander als ein altes Ehepaar. Wenn Zabel, nach Aldags einem großen Tag am Telefon grinsend meldet „Büro des besten Bergfahrers der Welt“, dann ist das eine Art von Zärtlichkeit. Und Aldag der fleißige Arbeiter im Weinberg des Herrn, walkt das heute gewonnene Bergtrikot zwischen den Fingern, als frage er sich schon wieder, ob das wirklich schlau war. Denn er wird leiden am nächsten Tag für die Ehre, fünf Stunden lang ein Hemd mit Punkten getragen zu haben.

Pepe Danquart geht durch diese Tour 2003 mit den neugierigen Augen eines Fremden, der Zutritt zu geschlossenem Terrain erhielt. Er hat die Zeit, die die aktuelle Berichterstattung nicht hat. Manchmal zitiert er die Fernsehbilder, Ullrichs Sturz, Armstrongs erhobene Faust, als wolle er demonstrieren, um wie vieles intensiver seine Bilder sind. Das ist richtig, aber es ist auch ein Problem. Danquart durfte in die Quartiere, in den Mannschaftsbus, er zeigt uns Andreas Klöden, der aufgeben muss und den unvermeidlichen „Eule“ Ruthenberg, und er darf auch das Rennen filmen. Aber eben nur die gleichsam Genrebilder, die Tableaus, wenn das Feld durch van-Gogh-Landschaften radelt. In den entscheidenden Situationen waren die Plätze wohl den Fernsehberichtern vorbehalten, deren Bilder Danquart nicht wollte. So surrt das Feld wieder und wieder vorbei: Das sind die staunenden, respektvollen Augen eines Fremden, aber es ist doch auch ein wenig langweilig – denn die Hölle findet nicht statt, nicht im Bild. Und die Individualisierung, die Fortschreibung der Nahdistanz zu Zabel und Aldag während des Rennens auch nicht. Vermutlich weiß Danquart dass und vermutlich ging es nicht anders.

Aber wer diesen Sport mag, der wird auch diesen Film mögen, vor allem um seiner Protagonisten willen. So nah ist man Zabel – von dem sein Chef sagt, Zabels Kopf und Ullrichs Körper das gäbe etwas sehr Großes -, noch nie gekommen. Nach dem Zeitfahren sitzt Zabel und ist so ziemlich am Ende. „ 42 km/h“ sagt er zu Eule Ruthenberg ziemlich leise, „weißt du, wie schlecht das ist?“. Und es klingt irgendwie ängstlich, wie in Erwartung eines Endes. Einmal, da liegt er auf der Bank des Masseurs. „Manchmal“ bekennt er, „denkst du, lieber Gott, ich weiß, dass es Wichtigeres gibt, aber schenk mir noch ein Jahr“ und meint ein Jahr an der Spitze, ein Jahr, eines noch, in dem er die eine Handbreit schneller ist. Und lächelt dabei ein wenig selbstironisch und ein wenig traurig und ein wenig auch, wie ein Kind, das einen schönen Traum träumt.

Der Film, für den Pepe Danquart den Oscar bekam, heißt „Schwarzfahrer“. Die Schwarzfahrer des Radsports, die Doper, hat er hier nicht erwähnt. Das ist der Film eines Fans und er ist gemacht für Fans.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben  2004

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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