Paradise Now (Hany Abu-Assad)

Paradise Now! aber nah ist nur die Hölle

Es gibt fast keine normalen aufrechten Flächen in diesem Film. Von den Wänden blättert die Farbe, in den Mauern, sofern sie nicht vollends Trümmer sind, markieren sich die Einschüsse. Das ist das Land, von dem seine Bewohner hoffen, dass es einmal ihr Paradies wird.

Es gibt keine wirkliche Explosion, nur einmal eine visuelle: Wenn die Szene nach Tel Aviv wechselt, dann explpodiert das Bild gleichsam von dieser Architektur. Und erzählt so von der sozialen Brisanz, die wirklichen Sprengstoff zur Alltäglichkeit werden lässt. Hany Abu-Assad ist ein Palästinenser mit israelischen (und holländischem) Pass und er tut mit seinem Film Paradise Now etwas, wofür im Nahen Osten niemand geliebt wird, von niemandem: Er ist ausgewogen. Er zeigt die alltägliche Banalität zweier potenzieller Selbstmordattentäter, von denen einer die Tat begehen wird, und er zeigt sie auf banale Weise: banal im erzählerisch-pädagogischen Sinne und banal auch als Filmkunst. Und dennoch ist das, wenigstens für die Europäer, die diese Arbeit produzierten, ein wichtiger Film. Abu-Assad kommt seinen Landsleuten nahe, aber er gibt sich nicht hin. Er billigt nicht, aber er zeigt. Zeigt, dass die jungen Männer mit den Bomben unterm Hemd keine Monster sind, sondern Burschen, die über Mädchen reden und Musik und Wasserpfeifen blubbern. Darin liegt keine Billigung des Terrors, sowenig wie dieser Film antisemitisch ist. Er nimmt den Attentätern und vor allem ihren Hintermännern mit Schärfe die Aura des Märtyriums, aber er zeigt die Tristessse eines Lebens, das solche Märtyrer ermöglicht. Dieses Wissen hilft nicht den unschuldigen Opfern in Bussen und Cafes, die hier ausgeblendet werden. Aber diese Wahrnehmung, dass die Mörder der jeweils anderen Seite keine geborenen Monster sind, sondern normale Menschen in unnormalen Umständen, ist der unverzichtbar erste Schritt, wenn sie eines Tages keine Angst mehr haben wollen, auf den Straßen der Westbank und in den Bussen Tel Avivs.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben  2005

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

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