Diamond Island (Regie: Davy Chou)

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Regisseur Davy Chou

In seinem grandiosen Dokumentarfilm GOLDEN SLUMBERS (Le Sommeil d’Or, 2011) erinnerte der französisch-kambodschanische Regisseur Davy Chou an die Geburtsstunde des kambodschanischen Kinos und dessen Zerstörung durch die Roten Khmer. Das blutige Regime um Diktator Pol Pot wollte im südostasiatischen Land alle Spuren des Kapitalismus und der Kultur der früheren Kolonialmacht Frankreich ausmerzen. Zu den mindestens 1,5 Millionen Opfern, die der Steinzeitkommunismus und der anschließende Bürgerkrieg forderten, gehörten auch die meisten Schauspieler, Sänger, Regisseure und Produzenten der kambodschanischen Filmindustrie. Ihre Werke wurden gezielt zerstört oder verrotteten im Laufe der Kriegsjahre. Mit Ausnahme weniger Kopien, die in Thailand oder Vietnam überlebten, gingen die Leinwandträume für immer verloren.
Van Chann, der wichtigste Filmproduzent des Landes in den 60er Jahren, war der Großvater des 1983 in Frankreich geborenen Davy Chou. Erst als Teenager erfuhr der Enkel von dem ausradierten Kulturerbe seiner Familie. Chou kehrte in die Heimat der Ahnen zurück, befragte die Kambodschaner vor der Kamera über ihre Erinnerungen an die früheren Leinwandträume und setzte den verschwundenen Filmen ein Denkmal, ohne überhaupt Ausschnitte zeigen zu können.
Nun hat Davy Chou sein Spielfilmdebüt vorgelegt: DIAMOND ISLAND. Darin verlässt der 18-jährige Bora sein Dorf, um für 150 US-Dollar pro Monat auf der gigantischen Baustelle von Koh Pich (Diamond Island) zu arbeiten. Die Insel am Zusammenfluss von Mekong, Tonle Sap und Tonle Bassac liegt in Sichtweite der Hauptstadt Phnom Penh und war einst von Fischern und Bauern besiedelt. Vor zehn Jahren wurden sie vertrieben, damit eine chinesische Investmentfirma und eine Tochterfirma der größten Bank Kambodschas ein Immobilienprojekt im Schätzwert von sieben Milliarden US-Dollar vorantreiben konnten. Diamond Island soll zum Paradebeispiel für Kambodschas Entwicklung vom rückständigen, armen Ex-Bürgerkriegsland zum modernen Staat der Zukunft werden. Schon jetzt, wo lediglich ein Teil der geplanten Wolkenkratzer und Geschäfte fertig sind, zieht die Insel die Massen an. Nicht nur die urbane Mittel- und Oberschicht, deren Kinder auf dem stetig expandierenden Rummelplatz die Karussells und Fast-Food-Restaurants belagern, sondern auch die Jugend von Phnom Penh, die allabendlich mit ihren Motorrädern nach Koh Pich ausschwärmt und die Insel zu ihrem neuen Lieblingstreffpunkt erklärt hat. Im künstlichen Neonlicht und vor der Kulisse der skelettartigen Hochhausbaustellen treffen dort diejegen, die Diamond Island als billige Lohnsklaven bauen, mit denjenigen zusammen, die aus reicheren Familien stammen und vielleicht eines Tages diese Zukunftsvision von Kambodscha beziehen werden.

„Diamond Island ist ein Ort, der mehr als jeder andere die leidenschaftliche und grausame Beziehung zwischen der Jugend und dem Mythos der Moderne in Kambodscha verkörpert“, sagt Regisseur Davy Chou. „Es gibt dort eine Art brutalen Ausbruch der Moderne – in einem Land, das daran überhaupt nicht gewöhnt ist. Es ist fast, als wäre das Land in die Zukunft geworfen worden und die Jugend, die in einer Zeit des Mangels geboren wurde, die aus historischen Tragödien resultiert, ist vollkommen desorientiert.“ Exemplarisch dafür ist die Entwicklung des jungen Arbeiters Bora, der ein Drittel seines kargen Lohnes nach Hause schickt, um die kranke Mutter und den Rest der Familie zu unterstützen. Er trifft auf Diamond Island durch Zufall seinen älteren Bruder Solei wieder, der vor fünf Jahren aus dem Heimatdorf geflohen ist und sich seither nicht mehr gemeldet hat. Dem coolen Solei ist es gelungen, das Landleben hinter sich zu lassen. Er studiert in Phnom Penh, hat Geld, ein schickes Motorrad und eine schöne Freundin. Allesamt Ziele, von denen Bora bislang nicht einmal zu träumen wagte. Doch Solei stattet ihn mit den derzeit wichtigsten Accessoires für kambodschanische Jugendliche aus: das neueste Handy und das coolste Motorrad. Damit weckt Bora auch das Interesse der hübschen Aza – doch je mehr der schüchterne Baustellensklave in das städtische Mittelschichtsleben seines Bruders aufsteigt, desto größer werden die Probleme mit seinen Kollegen und Freunden, die in der Arbeiterklasse festsitzen.
diomand_szene_450Vier Monate lang castete Davy Chou auf den Straßen von Phnom Penh und über Facebook Laiendarsteller für sein Spielfilmdebüt. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn die kambodschanischen Jungschauspieler beeindrucken allesamt durch ein erfreulich dezentes und dadurch umso authentischeres Spiel, das gut mit der schlichten Erzählweise und den dokumentarisch wirkenden Bildern von Kameramann Thomas Favel harmoniert.
Beim letzten Filmfestival in Cannes lief DIAMOND ISLAND in der Reihe Semaine de la Critique und wurde mit dem Preis der Société des Auteurs et Compositeurs Dramatiques ausgezeichnet. Das US-amerikanische Branchenblatt „Variety“ urteilte: „Der Film markiert ein neues Erwachen des kambodschanischen Kinos.“ Der „Hollywood Reporter“ schrieb: „Am Ende funktioniert Diamond Island eher als ein soziales Porträt als ein klassischer Bildungsroman und enthüllt dabei all den Schweiß, das Elend und den Kummer, den es braucht, um einen riesigen Rohdiamanten zu erschaffen.“ In Deutschland läuft DIAMOND ISLAND seit dem 19. Januar, im Verleih von Rapid Eye Movies bundesweit in den Kinos.

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Regisseur Davy Chou ist mit GOLDEN SLUMBERS und DIAMOND ISLAND auf dem besten Wege, in die großen Fußstapfen von Rithy Panh zu treten. Der 1964 in Phnom Penh geborene Filmemacher, dessen Familie in den Arbeitslagern der Roten Khmer starb, gilt seit den 90er Jahren als das filmische Gewissen Kambodschas. 1994 war Panh erstmals bei den Filmfestspielen in Cannes und fast 20 Jahre später bei der Oscar-Verleihung in Hollywood vertreten. Sein Dokumentarfilm Das fehlende Bild (L’Image manquante, 2013) war als erste kambodschanische Produktion für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert.
1979, als die Vietnamesen in das von Diktator Pol Pot zugrundegerichtete Kambodscha einmarschierten, floh Rithy Panh nach Thailand und weiter nach Frankreich. 1985 nahm ihn eine Filmhochschule in Paris als Student auf, nach dem Abschluss kehrte er 1990 nach Kambodscha zurück. „Der Völkermord hat die Erinnerung meines Landes ausgelöscht“, sagt Rithy Panh. „Mit meinen Filmen will ich unsere Identität wiederherstellen.“ Sein Spielfilmdebüt Das Reisfeld (Neak Sre, 1994) zeigte den Überlebenskampf einer Bauernfamilie nach der Pol-Pot-Ära. Eine der Hauptrollen spielte Peng Phan, die heute das NACA Waisenheim am Ufer des zugeschütteten Stadtsees von Phnom Penh leitet und jedem Besucher stolz die Fotos präsentiert, die sie mit Rithy Panh auf dem roten Teppich in Cannes zeigen. Peng Phan spielte auch eine Hauptrolle in Rithy Panhs Dokudrama Theater der Erinnerung (Les artistes du Théâtre Brûlé, 2005). In den Resten des ausgebrannten Suramet Theaters in Phnom Penh erinnern sich die Schauspieler an bessere Tage ihrer Zunft und an die vielen Künstler, die unter Pol Pot starben. Die Theaterruine wurde 2008 abgerissen. Rithy Panhs wichtigste Dokumentarfilme sind S-21: Die Todesmaschine der Roten Khmer (S-21, la machine de mort Khmère rouge, 2003), für die er Überlebende des Foltergefängnisses Tuol Sleng mit ehemaligen Wächtern konfrontierte, und Das fehlende Bild (2013), in dem die Pol-Pot-Zeit aus Rithy Panhs (kindlicher) Sicht geschildert wird und diese Erinnerungen mit hunderten von bemalten Tonfiguren in Dioramen nachgestellt werden.

Michael Scholten

Bilder: © rapid eye movies
Diamond Island von Davy Chou seit 19.01.2017 im Kino

Autor Michael Scholten schrieb mit Wolf Jahnke auch das Buch „on locoation: Reiseführer zu den Orten des Films – Thailand, Kambodscha, Vietnam“, erschienen im Schüren Verlag

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