Robert Altmans Last Radioshow

Der Tod trägt einen Trenchcoat. Er wandelt in Gestalt einer schönen, von verhalten-melancholischer Ironie umwobenen Frau durch Raum und Zeit. Dieses beruhigende Bild der letzten Gefährtin prägt Robert Altmans letzten Spielfilm. Hier atmet der versöhnliche Zauber einer alles verzeihenden Demut gegenüber dem Leben an sich. Zu dem nun einmal das Sterben gehört.


Virginia Madsens Botin der Endlichkeit ist die Zentralgestalt in „A Prairie Home Companion“, mehr als ein Jahr nach der Uraufführung während der Internationalen Filmfestspiele Berlin 2006 jetzt endlich unter dem Titel „Robert Altman’s Last Radio Show“ in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln hierzulande in den Kinos. Der Todesengel ist allgegenwärtig an diesem späten Samstagnachmittag im Fitzgerald Theater im US-amerikanischen Provinznest St. Paul. Das Haus gibt es wirklich. Von hier wird seit 1974 jeden Samstag zwischen 17 und 19 Uhr die vor Publikum veranstaltete Show „A Prairie Home Companion“ im Radio übertragen. Moderator Garrison Keillor (er schrieb das Drehbuch und spielt sich selbst) ist der Mann im Mittelpunkt. Um ihn herum: ein flottes Völkchen von Countrysängern und anderen Künstlern. Eine Idylle? Der Schein trügt. An diesem Abend läuft die Show unwiderruflich zum letzten Mal. Der Sender, so will es die von Keillor ausgedachte Geschichte, wurde verkauft. Das Theater soll abgerissen werden. Die Neubesitzer denken nicht an Tradition, nur an Profit. Sängerinnen wie die Johnson-Schwestern (Meryl Streep & Lily Tomlin) haben damit garantiert ihre beste Zeit hinter sich. Trauer? I wo! Auch hier gilt: „The Show must go on!“ Und sie läuft! Mit vielen Knallern und Überraschungseffekten.

Dabei ist die Lady mit dem geheimnisvollen Lächeln überall, in den Garderoben und auf den Gängen, hinter den Kulissen und im Rampenlicht, an der Seite der Frau, deren Sandwichs die Mitwirkenden lieben, bei den Technikern, die unentwegt hämmern und reden. Wie alle. Es ist ein einziges Gackern und Säuseln, Schreien und Flüstern und, natürlich, Singen. Wenn etwa die Johnson-Sisters am Schminktisch Anekdoten tauschen, dann trällern sie auch mal rasch zwischendurch. Altman gelang wieder mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit, was seine besten Filme, „Nashville“ (1975) beispielsweise, „A Wedding“ (1978) oder „The Player“ (1992), auszeichnet: Hier brodelt, quakt, gurrt, säuselt und spricht das Leben an sich. Allerdings kunstsinnig gestaltet, so, dass die wesentlichen Details zwischen den Worten, die entscheidenden Zeichen hinter den Bildern hörbar und sichtbar werden. Schaumgebäck, das es in sich hat. Wer kann, wer konnte das außer Altman? Chaplin, sicher. Woody Allen kam ein paar Mal nahe ran. Der Russe Wassili Schuckschin schaffte es einmal, in „Kalina Krasnaja“ (1973). Aber sonst? Diese Leichtigkeit, die nie leichtfertig umgeht mit Themen, nie ins Seichte abdriftet, mit der Altman das Schwere spiegeln konnte, das gab und gibt es nur äußerst selten in der Kunst.

Am 20. November 2006 81-jährig verstorben, mitten in den Vorbereitungen zu einem neuen Film, gelang Robert Altman mit seinem letzten Film ein – das große Wort ist wirklich angebracht! – Geniestreich des Unterhaltungskinos. Überaus charmant und herzerwärmend amüsant denkt er darin über so Gewichtiges wie den Wandel kultureller Werte in der westlichen Welt nach. Darauf achtend, darf man „A Prairie Home Companion“ wohl auch als sein Vermächtnis sehen. Ohne, dass auch nur einmal vordergründig politisiert wird, entwickelt sich der Film zum Abgesang auf den „Amerikanischen Traum“, auf den Traum von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an sich, der die bürgerlichen Gesellschaften wohl nur noch in den letzten Reservaten sturer Hoffnung eint. Das schöne daran: Wer sich „nur“ unterhalten lassen, wer all die Gedanken nicht nachvollziehen möchte, muss das nicht. Auch wer die tiefere Ebene dieser gar nicht traurigen Erzählung vom traurigen Ende einer Ära ausblendet, findet Genuss an Komödie, an Spannung und an exzellenten Darstellern.

Wie immer bei Altman gibt es ein Fest der Schauspielkunst. Meryl Streep und Lily Tomlin als ältliche Country-Diven der zweiten Garnitur, immer etwas nach Küche klingend und ein bisschen nach Frisierstube aussehend, Lindsay Lohan im Part einer unsteten Nachwuchssirene, die sich gern in selbstverfasste Gedichte zum Thema Suizid vergräbt, Virginia Madsen als Verlockung aus dem Jenseits, Woody Harrelson und John C. Reilly, die im Cowboylook billige Machomythen von Liebe am Lagerfeuer persiflieren, billige Zoten inklusive, Kevin Kline als Glückloser Ex-Detektiv, der sich als Wachmann verdingt, und der das nur erträgt, indem er mit der pomadisierten Eleganz eines Rudolfo-Valentino-Nachfahren auftritt, Tommy Lee Jones als Vertreter der neuen Besitzer, die an Stelle des Theaters ein Parkhaus errichten wollen, – die Star-Riege um Radioveteran Garrison Keillor ist einfach zum Niederknien. Noch in der klitzekleinsten Rolle gibt’s Schauspielkunst absoluter Güte.

Am Ende hat die verführerische Vertreterin des Todes noch einmal einen Auftritt. Der führt zu einer hinreißend hinterhältigen letzten Pointe. Lächelnd macht Robert Altman klar: Das Sterben, Leute, ist auch nur ein schaler Witz. Wie das ganze Leben. Darauf noch ein Lied: „In the sweet by and by, we shall meet on that beautiful shore…“

Peter Claus

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