Ein Mensch weiß nicht, wer er ist, und sucht nach der eigenen Identität. Hitchock mochte das Erzählmuster, Polanski und andere haben es gern variiert. „Unkonwn Identity“ fängt schön altmodisch an. Man guckt erst mal gern zu, wie Regisseur Jaume Collet-Serra, der schon einiges an Action ins Kino gebracht hat, seine Hauptfigur durch Berlin hetzt. Wer die Stadt kennt, hat seinen besonderen Spaß daran, mitzubekommen, wie hier weit auseinander liegende Straßenzüge scheinbar ineinander übergehen. Das ist so lustig, wie es Kenner jeder Stadt finden, wenn die zum Handlungsort eines Blockbusters auserkoren wird.

Die Hauptfigur ist ein Biologe aus den USA, Dr. Martin Harris, den Liam Neeson erst tapsig, dann mehr und mehr sportlich verkörpert. Kaum in Berlin gelandet, schon hat er einen Unfall. Wäre da nicht die toughe Taxichauffeurin Gina (Diane Kruger), es gäb ihn nicht mehr. Sie rettet ihn – und er erwacht ein paar Tage darauf im Krankenhaus. Wer er ist, weiß er genau. Nur dumm, dass alle anderen es nicht wissen. Seine Frau (January Jones), die im pikfeinen Hotel „Adlon“ am Brandenburger Tor haust, erkennt ihn nicht nur nicht, sie präsentiert auch Dr. Harris, den Ehemann an ihrer Seite (Aidan Quinn). Martin hat die Wahl: durchdrehen oder nach der Wahrheit suchen. Er entscheidet sich, logisch, für Letzteres. Zwei Männer werden dabei für ihn zu Schlüsselfiguren: ein Detektiv mit Stasi-Vergangenheit (Bruno Ganz), der Martin hilft, und ein Profi-Killer (Stipe Erceg), der ihm an die Wäsche will. Da aber schmeißt sich Gina vor. Und nun beginnt ein Action-Feuerwerk…

Auch das ist nicht neu: Berlin wird als Dreh- und Knotenpunkt nahezu aller Geheimdienste dieser Welt präsentiert. Nicht nur die Stasi lebt, auch andere Dinos der Agentenhistorie ziehen noch so ihre Strippen. Das ist ziemlich albern. Immerhin: Berlin kommt schick rüber. Die Schauspieler auch, die vor allem deshalb, weil sie meist ironisch agierend wirken. Bruno Ganz‘ Ex-MfS-Mann ist eine einzige Lachnummer – und der herrliche Charakterdarsteller zeigt sie auch als solche. Liam Neeson zeigt dazu Grips und Muckis und die von vielen gern unterschätzte Diana Kruger ein bisschen Erotik und jede Menge Talent. Sie muss nämlich aus einem Nichts an Vorgaben im Drehbuch eine Figur auf die Leinwand stemmen, der wir mit Wonne folgen. Das schafft das Ex-Model im Handumdrehen. Alle Achtung! January Jones schafft’s nicht. Die in der Fernseh-Serie „Mad Max“ mit Erotik, Witz und Intelligenz brillierende Schauspielerin darf nett aussehen, mehr wurde ihr leider nicht abverlangt.

Auch der Film selbst schafft es nicht, bis zum Ende zu fesseln. Nach etwa zwei Dritteln nämlich drängt sich des Rätsels Lösung auf. Und die ist doch arg bescheuert. Da verliert man dann doch die Lust, dem Katz-und-Maus-Spiel noch mit ganzem Herzen zu folgen. Zwar gibt’s noch ein sehr besonderes Schmankerl für alle, denen der Neo-Schick Berlins auf die Nerven geht, aber die Herz-Schmerz-Sentimentalität des Finales, och, nö. Da wünscht man sich glatt, Dr. Martin Harris wäre nie nach Deutschland gekommen.

Peter Claus

Unknown Identity, Jaume Collet-Serra (USA, Deutschlad, Großbritannien, Frankreich 2010)

Bilder: Kinowelt

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