Kinderschicksale im Kino – da droht Kitsch. Doch diese Romanverfilmung erspart uns allen Herz-Schmerz-Schmonzes. Hier geht’s hart zu, entsprechend dem harten Thema: Aids in Afrika.

Hauptfigur der Geschichte ist die 12-jährige Chanda (Khomotso Manyaka). Das Schicksal des Mädchens wird von Aids bestimmt. Eine Schwester stirbt, die Mutter wird krank, der Stiefvater ist es offenbar längst… Hilfe von den Freunden oder Nachbarn gibt es keine. Stattdessen gibt es viel Gerede. Niemand aber spricht wirklich aus, was Sache ist. Und für Chanda wird das Über-Leben immer schwieriger…

Der Film basiert auf dem in Deutschland unter dem Titel „Worüber keiner spricht“ veröffentlichten Roman des kanadischen Schriftstellers Allan Stratton. Das Buch beleuchtet die Auswirkungen verlogenen Schweigens drastisch. Etwa 800 000 Aidswaisen gibt es in Südafrika, Kinder, die keinerlei staatliche noch caritative Unterstützung erhalten. Erfreulicherweise wird das im Film nicht von Sentimentalität zugedeckt. Die Geschichte der Halbwüchsigen wird wie ein Krimi erzählt. Das ist sehr wirkungsvoll.

Streiten lässt sich über einen dramaturgischen Entschluss: Die Erzählung benennt zunächst recht lange die eigentliche Problematik – den bigotten Umgang mit Aids und dessen Folgen – nicht. Die Zuschauer wissen nur, was auch Chanda weiß. Deren Ausgeliefertsein ist dadurch im Publikum stark nachempfindbar. Aber das hat doch etwas Kunstgewerbliches. Denn wer geht schon in den Film und weiß vorher nicht, dass es um Aids und den Umgang damit geht?! So sitzt man denn recht bald etwas genervt im Kino und fragt sich, was die Geheimnistuerei soll. Doch der Einwand diesbezüglich ist klein. Die Hauptdarstellerin nimmt einen derart gefangen, dass man das alles hinnimmt. Die während der Dreharbeiten 13-jährige Khomotso Manyaka nimmt die Zuschauer gleichsam an die Hand. Sicher: Das ist keine Schauspielkunst. Es ist Selbstdarstellung, vom Regisseur geführt und kanalisiert. Diese Feststellung aber schmälert die Leistung von Khomotso Manyaka nicht. Ihre starke Präsenz, die noch von kindlicher Naivität und schon von frühem Frau-Sein geprägt ist, verleiht der Figur des Kindes, das schonungslos ins Erwachsensein gezwungen wird, eine vollkommene Glaubwürdigkeit. Man bekommt fast Angst, sie spiele nichts als sich selbst.

Drehbuchautor Dennis Foon aus Kanada und Regisseur Oliver Schmitz aus Südafrika erzählen sehr konventionell. Trunksucht, Prostitution, Korruption bei Polizei und im Gesundheitswesen flankieren das zentrale Geschehen. Die traditionelle Erzählweise bündelt das alles effektvoll. Besonders wichtig: Schmitz‘ Blick von Innen vermeidet jegliche Touri-Perspektive.

Das Finale des Films überrascht. Nur dies sei dazu verraten: es gibt Anlass zu grübeln, je nachdem, ob man den Schluss als wirklich oder als geträumt versteht. Aber es ist ja wohl nicht das schlechteste, aus dem Kino mal ein wenig grüblerisch nach Hause zu gehen.

Peter Claus

Geliebtes Leben, Oliver Schmitz (Südafrika / Deutschland 2010)

Bilder: Senator

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