Aberglaube: Wenn Stunden- und Minutenzeiger der Uhr auf gleicher Stelle stehen, darf man sich etwas wünschen. Darauf spielt der Titel an – und damit auf die Unmöglichkeit, sich im Leben aufs Wünschen und Glauben zu verlassen.

Der Alltag von Sonia (Kseniya Rappoport) scheint aber genau darauf aufzubauen. Sie stammt aus Slowenien. In Turin versucht sie als Zimmermädchen in einem Hotel zu überleben. Sie sehnt sich nach Liebe. Bei einem organisierten Speed-Dating lernt sie Guido (Filippo Timi) kennen. Auch er lebt bescheiden. Der Ex-Polizist schlägt sich als Wachmann durch. Eine zarte Liebe bahnt sich an. Das gegenseitige Vertrauen wächst. Doch das Glück ist von kurzer Dauer. Ausgerechnet als Guido Sonia mit zum Dienst in einer Villa nimmt, tauchen bewaffnete Gangster auf. Sonia überlebt. Aber im Krankenhaus erfährt sie, dass Guido ums Leben gekommen ist. Doch sie hofft und träumt. Immer wieder erscheint ihr der Geliebte. Ist sie verrückt geworden?

Regisseur Giuseppe Capotondi, bekannt geworden durch zahlreiche Musikvideos, etwa für die Spice Girls, hat ein beachtenswertes Spielfilmdebüt vorgelegt, Krimi, Psychothriller und Seelendrama in einem. Sehr ruhig, fast kühl, entwirft er ein Geflecht aus Schuld und Sühne. Schade nur, dass im Finale eine allzu simple Auflösung erfolgt. Bis dahin aber wird Besonderes geboten. Gelegentlich lugt Hitchcock um die Ecke. Darstellerisch wird Herausragendes geboten. Kseniya Rappoport erhielt zu Recht 2009 beim Filmfestival in Venedig für ihre Interpretation der Sonia den Preis als beste Schauspielerin. Es gelingt ihr, die Verlorenheit der einsamen Sonia fern jeden Kitsches mitfühlend sichtbar werden zu lassen – und dabei die denkbar vielen Gesichter dieser Frau nicht zu vergessen.

Peter Claus

Die doppelte Stunde, Giuseppe Capotondi (Italien 2009)

Bilder: MFA/24 Bilder

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