ab 20. Oktober 2011 im Kino

48 Stunden, ein langes kurzes Wochenende, Zweisamkeit auf Pump sozusagen. Wer’s mal erlebt hat, weiß, dass solches dennoch große Wirkung haben kann. Ob’s im Fall von Russell und Glen so ist, erfahren wir nicht. Denn vor dem Happy End wird abgeblendet. Vielleicht gibt’s ja auch gar keins. – Der englische Regisseur Andrew Haigh lässt nicht nur diese Frage offen. Er hat generell den Mut zur Lücke. Und genau das macht diesen Film besonders. Hier wird nicht alles ausgesprochen, ausgespielt, nicht jede Szene ausgequetscht bis auch der Letzte im Parkett Bescheid weiß. Großartig!

Erzählt wird von Russell (Tom Cullen), so um die 30, allein lebend. Die Tristesse im Plattenbau in Nottingham ist genauso grau-in-grau wie die in Berlin-Marzahn oder im Gürtel von Paris. Auch der Job bringt keinen Schwung. Highlights sind die Momente mit Jamie (Jonathan Race), dem Freund seit Kindertagen im Heim. Doch Liebe? Fehlanzeige. Unglücklich ist Russell deswegen nicht. Aber ebenso wenig ist er glücklich. Nach einem Freitagabend mit Reden, Essen, Trinken und Drogen landet er in einem Club. Da lernt er Glen (Chris New) kennen. Die Zwei landen im Bett. Was die Zufallsbekanntschaft am nächsten Morgen via Tonband zu einem Kunstprojekt verwurschteln will. Das irritiert Russell. Noch verwunderlicher ist für ihn, dass Glen sofort und ohne Wenn und Aber jede Chance auf Zweisamkeit ausschließt. Weil er am nächsten Tag für zwei Jahre Richtung USA abhauen will. Wirklich nur deshalb? Russel kann’s bei allen Zweifeln nicht ändern: Er verliebt sich in den Egozentriker.

Was tun, wenn die Liebe einen überfällt und keine Chance hat? Wo ist der Schalter, um die Flut der Gefühle zu stoppen? Wie umgehen mit dem Überschwang an Lust, der verpuffen muss? Oder lässt sich doch Gutes aus solch einer „Beziehung“ gewinnen? – Die Fragen liegen in den schön knappen Dialogen versteckt, lauern hinter den Bildern, drängen sich nie auf, sind jedoch durchweg präsent. Sie ermöglichen den Zuschauern sehr schnell den Zugang zum Geschehen und die Identifikation mit dieser oder jener Figur. Schnell ist klar: das Etikett „Schwulenfilm“ passt nicht. Die Geschichte von Russell und Glen ist auf jede Zweisamkeit, egal welcher Konstellation, übertragbar, die daraus resultierenden Fragen sind es erst recht.

Freitagabend bis Sonntagnachmittag – eine verdammt kurze Zeit. Doch sie ist angefüllt mit allem Zauber des Himmels. Die Beiden erleben eine einfach wunderbare Romanze. Dabei nimmt sich Andrew Haigh erfreulich viel Zeit und Raum, um die Charaktere der Protagonisten zu beleuchten. Es wird nicht allein deutlich, wes Geistes Kind sie sind, sondern auch (und das ist wesentlicher), in welchem geistigen Umfeld sie leben, was sie prägt, woraus sich ihre Wunschvorstellungen speisen. Die Hauptdarsteller unterstützen die Intention, mehr als eine lovestory zu erzählen, mit feinem Understatement. Beide eher am Theater als vor der Kamera zuhause, entwickeln schöne Studien von ganz durchschnittlichen Männern mit ganz durchschnittlichen Sehnsüchten. Mitunter mutet das fast dokumentarisch, auch improvisiert an. Dank Tom Cullen und Chris New und dank der stimmigen Inszenierung, die beiden Akteuren immer reichlich Zeit und Raum zur Entfaltung schenkt, strahlt der Film einen wahrlich mitreißenden Zauber aus.

Peter Claus

Weekend, Andrew Haigh (Großbritannien 2011)
94 Min. | FSK ab 16
Originalversion (englisch) mit deutschen Untertiteln

ab 20. Oktober 2011 im Kino 

Bilder: by ‚Quinnford and Scout‘ © Glendale Picture Company  | GMfilms


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