Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte (Paddy Considine)

In Sundance gab es gleich mehrere Preise, dann auch noch einen in München, und dazu Jubel des Publikums auf -x anderen Festivals. Sagt der Verleih. Lese ich solches, werd‘ ich misstrauisch. Wo so viel geklappert wird, ist meist was faul. In diesem Fall nicht. Der Film ist schlichtweg grandios!

Im Zentrum steht Joseph (Peter Mullan), ein ungepflegter Typ, nicht mehr jung, noch nicht alt, verlebt, unsympathisch. Er entspricht voll und ganz den blödesten Klischees eines Säufers. Doch den Witwer aus Leeds in Nordengland prägt noch ganz anderes: er ist ein von Gewalt Getriebener. Der Baseballschläger ist immer griffbereit. Kurz wird auch mal ein Hund totgetreten. Andererseits versteckt sich der Widerling, nachdem er eine Scheibe eingeschlagen hat, also wegen einer Bagatelle, vor der Polizei. Ein Weichei, das seine Schwäche in Aggression ummünzt? So einfach ist es nicht.

Ist Joseph liebenswert? Hannah (Olivia Colman), die Ladenbetreiberin in Leeds, glaubt es. Die Zwei treffen per Zufall aufeinander. Erst einmal funkt nichts. Dann keimt Zuneigung, schließlich Liebe. Hannah jedoch ist unglücklich verheiratet. Ihr Mann James (Eddie Marsan) quält und schlägt sie regelmäßig. Joseph findet das heraus. Und da dreht er durch. Alle Zeichen stehen auf Sturm. Es sieht so aus, als sei eine Tragödie unvermeidlich.

Dem als Schauspieler bekannt gewordenen Briten Paddy Considine („Das Bourne Ultimatum“) gelang ein wuchtiges Debüt als Autor und Regisseur. Das Psychodrama ist so bedrängend wie begeisternd. Von der ersten Szene an ist klar: süßliche Sozialromantik mit rosarotem Happy End wird nicht geboten. Die nackte Gewalt, die Josephs Leben beherrscht, prägt den knallharten Film durchgängig.

Peter Mullan spielt den Joseph. Weltbekannt seit „My Name is Joe“ erweist er sich wieder als feinnerviger Charakterinterpret. Der Mann ist rau und zärtlich zugleich, abstoßend und anziehend. Den letztlich an sich selbst leidenden Joseph verkörpert er mit erschütternder Wahrhaftigkeit. Viele sehen ihn als „Oscar“-Preisträger 2012 für den besten Schauspieler in einer Hauptrolle. Gut möglich. Verdient wäre es. Neben ihm: die bisher durch Komödien bekannte Olivia Colman. Auch sie fesselt mit schlichter Kunst. Schauspiel und Regie stellen die Gewalt übrigens nie platt aus, sondern fragen nach Gründen. Das ist oft schockierender als blutrünstige Horrororgien.

Schnell ist klar: dies ist kein gut gemeintes, von schlichtem Gutmenschentum geprägtes Gesellschaftsdrama. Kitsch hat keine Chance. Die schonungslos erzählte Geschichte besticht mit seltener künstlerischer Souveränität. Es dürfte wohl niemandem möglich sein, diesen Film jemals zu vergessen.

Peter Claus

Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte, Paddy Considine (Großbritannien 2011)

Bilder: Kino Kontrovers

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