Jane Eyre (Cary Fukunaga)

„Jane Eyre“ von Charlotte Brontë schon wieder als Film? Den Roman haben wir doch nun schon oft genug bebildert im Kino verschlungen. Und dann auch noch ein US-amerikanischer Regisseur, Cary Fukunaga? Ich habe dem Film mit Skepsis entgegen gesehen. Und dann war ich nach wenigen Minuten vollkommen fasziniert!

Die Story in Stichworten: Jane Eyre (Mia Wasikowska) ist arm und Waise. Verwandte haben sich ihrer angenommen, betrachten das Kind und dann die junge Frau jedoch als minderwertig. Sie meutert und wird in ein Internat gesteckt. Als Gouvernante auf Thornfield Hall scheint es ihr zunächst recht gut zu gehen. Die Haushälterin Mrs. Fairfax (Judi Dench) wird eine Freundin. Hausherr Edward Rochester (Michael Fassbender) gibt sich abweisend und mürrisch. Doch bald fühlen sich Beide unentrinnbar voneinander angezogen. Was natürlich nicht sein darf, von wegen des Standesdünkels. Eine Katastrophe erscheint unausweichlich.

Die meisten Zuschauer dürften die Vorlage kennen, zumindest aus anderen Verfilmungen. Spannung kann also aus der Handlung kaum erwachsen. Regisseur Cary Fukunaga erzählt die Geschichte zwar kraftvoll und nach den Regeln des Spannungskinos, doch vertraut er vor allem auf das Wie. Das wird von wohliger Ruhe bestimmt. Selbst in den Blenden in die Kindheit kommt nie Hektik auf. Die bleibt auch später aus. Der Blick gilt sowieso nicht den Äußerlichkeiten, sondern dem Innen-, dem Seelenleben der Titelfigur. Fukunagas Hauptdarstellerin Mia Wasikowska ist dafür ideal. Blicke, Gesten, Schweigen – das sind ihre unaufdringlichen und stets unaufgeregt eingesetzten Mittel. An ihrer Seite: die verlässlich präzise Judi Dench und Michael Fassbender, der mit den Produktionen „Shame“ und „Eine dunkle Begierde“ der Star des diesjährigen Filmfestivals Venedig war (und denn auch auf dem Lido als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde). Auch er brilliert. Es ist absolut atemberaubend, wie er das Ringen von Kälte und Leidenschaft im sorgsam abgeschirmten Innern des Edward Rochester spürbar erden lässt. Jamie Bell („Billy Elliot – I Will Dance“) und Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky”) ergänzen das Trio vortrefflich.

Die Intensität des Schauspiels und die Eleganz der Inszenierung servieren einem dann am Ende, selbst wenn man die Story in- und auswendig kennt, eine schöne Überraschung: das fulminante Finale rührt einem kraftvoll ans Herz. Großes Schauspielkino, das sich nicht in darstellerischer Virtuosität erschöpft, sondern den mehr als einhundertfünfzig Jahre alten Roman fürs Heute erzählt.

Peter Claus

Jane Eyre, von Cary Fukunaga (England 2011)

Bilder: Tobis

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