Nach dem Uraufführungserfolg während der Internationalen Filmfestspiele Berlin im Februar kommt diese erfrischende Dokumentation jetzt endlich in die Kinos.

Überraschung, Überraschung: Es gibt noch handfeste Playboys, Kerle, die vor Geld und sexueller Vitalität nur so strotzen, und die beides hemmungslos ausstellen. Einer ist der Berliner Rolf Eden. Bereits über 80, wohl stärker von Schönheitschirurgen behandelt als viele dafür bekannte Damen der Gesellschaft, steht er im Mittelpunkt dieses ungewöhnlichen Blicks auf die letzten Jahrzehnte (west-)deutscher Geschichte.

Keine Angst: schlüpfrige Szenen aus der Schlüssellochperspektive gibt es keine. Regisseur Peter Dörfler der schon mit „Achterbahn“, dem filmischen Porträt eines Nachwende-Gewinners, sein Talent für das Aufspüren interessanter sozialer Zusammenhänge anhand einer persönlichen Geschichte bewiesen hat, nutzt das Porträt Rolf Edens um Zeitgeschichte zu reflektieren.

Formal wird dabei kein Neuland beschritten: Alltagsbeobachtungen und Archivaufnahmen sind gekoppelt mit Interviewausschnitten, vor allem mit Rolf Eden selbst, wurden unaufgeregt montiert. Das Ergebnis ist spannend, weil der Regisseur seinen Protagonisten ernst nimmt. Peter Dörfler hört sehr genau zu und lässt Rolf Eden alle Zeit der Welt, sich darzustellen. Wozu ab und an auch verhaltene Momente gehören, nämlich dann, wenn daran erinnert wird, dass der Playboy 1930 in Deutschland geboren wurde und mit seiner jüdischen Familie drei Jahre später nach Palästina auswanderte. Da wird angedeutet, dass Rolf Eden immer auch angstbeladene Erinnerungen mit dem glitzernden Yellow-Press-Dasein übertüncht hat. Zurückhaltend wird damit beleuchtet, wie sich die Mehrheit der braven Bundesbürger, vor allem die Schönen und Reichen und damit Tonangebenden, bis heute vor einer wirklichen Auseinandersetzung mit den aus der Nazizeit reichenden Schatten vorbeimogeln.

Frauen, Kinder, Autos, Klamotten, Sex – das Alphabet des Schicki-Micki-Glitzers wird von Rolf Eden durchbuchstabiert. Der einstige Nachtklubbesitzer schwärmt von sich selbst. Ein, zwei Mal stutzt er. Das sind wohl die Momente, in denen er Ahnung davon bekommt, dass er selbst, muss er einmal von der Showbühne des Lebens abtreten, nichts von Bestand hinterlassen wird. Da wird einem dieser Typ richtig sympathisch. Was ihm Peter Dörfler uneingeschränkt belässt. Er versucht nicht, bittere Wahrheiten oder Kritik an den Mann zu bringen. Das überträgt sich von allein aufs Publikum. Kino für den Kopf!

Peter Claus

The Big Eden, von Peter Dörfler (Deutschland 2011)

Bilder: Central

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