Russendisko (Oliver Ziegenbalg)

Es hagelt Verrisse. Und ich wundere mich. Sicher: diese launige Klamotte haut die Filmhistorie nicht um. Es ist nichts als ein Spaß. Aber warum da mit der Keule drauf?

Gestritten wurde schon um das Buch, das von der Mehrheit der Rezensenten geradezu gefeiert wurde, was ich nun wiederum nie verstanden habe. Der in Berlin lebende Moskauer Wladimir Kaminer hat vor zwölf Jahren mit „Russendisko“ seinen schillernden Ruf als hauptstädtischer Szenestar endgültig etabliert – und kräftig die Selbstvermarktungsmaschinerie angeworfen. Unbestritten: Kaminer ist ein begnadeter Plauderer, ein Mann, der es versteht, sich immer gut im Rampenlicht in Szene zu setzen, dessen Lesungen, ob als Ein-Mann-Show oder im Ensemble, schon allein durch seine Präsenz hohen Unterhaltungswert haben. Da kommt es dann auch gar nicht immer so genau darauf an, ob das, was der wuchtige Kerl erzählt oder liest, sonderlich gehaltvoll ist. Die von eigenem Erleben geprägten Kurzgeschichten, die er 2000 unter dem Titel „Russendisko“ veröffentlichte, wurden denn auch vielfach von denen, die ihn beim Lesen im Ohr und vor Augen hatten, bejubelt. Wer den Mann nicht kannte, reagierte hingegen verhaltener. Angesichts des Films wiederholt sich das wahrscheinlich in gewisser Weise. Kenner der Vorlage könnten sich abwenden, andere einfach nur amüsieren.

Die Streitfrage zum Buch war: Ist das Literatur oder Journalismus? Zweifellos sind die Geschichten vom Weggehen aus Russland und vom Ankommen und Nichtankommen! in Deutschland sprachlich schillernde Zeugnisse eines Lebensgefühls, dass man damals mit dem Begriff „Spaßgesellschaft“ zu fassen versuchte. Davon ausgehend einen Spielfilm zu drehen, ist gewagt. Denn die konkreten Kino-Bilder verlangen auch konkrete, handfeste Storys und Charaktere, um ein großes Publikum zu fesseln. Kein Wunder, dass Produzent Christoph Hahnheiser Jahre brauchte, ehe er den Plan der Verfilmung tatsächlich realisieren konnte. Angeblich sind -x Drehbuchautoren, darunter Wladimir Kaminer höchstpersönlich, an dem Unterfangen gescheitert. Oliver Ziegenbalg gelang schließlich mit dem Mut zur Radikalität ein verfilmbares Drehbuch. Der mutige Einfall Ziegenbalgs: Er erfand drei Freunde, die zusammen von der Wolga an die Spree wollen und kommen. Damit gibt es ein Erzählgerüst, in dem sich Episoden und Anekdoten gut verankern lassen. Den Geist der Vorlage bewahrend, hat Ziegenbalg also, nach Differenzen mit einem Vorgänger während der Dreharbeiten vom Produzenten auch gleich als Regisseur verpflichtet, nicht Kaminers Buch adaptiert, sondern sich davon zu einem eigenen Kunstwerk anregen lassen. Angenehmer Nebeneffekt, der einem als erstes auffällt: Viel Plapperndes ist weggefallen. Aber es fällt mehr auf: ein guter Spannungsbogen, angenehmer Witz, der oft intelligenter ist als in der Vorlage, und vor allem exzellente Schauspieler.

Die Story: Wladimir (Matthias Schweighöfer) und seine Freunde Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) verlassen 1990 die in sich zusammenbrechende Sowjetunion der Gorbatschow-Ära. Ihr Ziel: Berlin. Die Stadt, noch in West und Ost geteilt, aber hoffnungstrunken schon im ersten Taumel vermeintlicher Prosperität, erweist sich als wahre Traumstation für das Trio. Materielle Probleme gibt es keine. Das nötige Kleingeld fürs Vergnügen wird zur Not selbst mit Schmuddelgeschäften, wie dem Verhökern von Bier, besorgt. Allerdings ist nicht alles rosarot. Über dem Trio schwebt mit düsterer Wucht die Gewissheit, dass nur Wladimir und Andrej eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis haben. Mischa droht nach kurzer Zeit des kleinen Glücks die Abschiebung. Was natürlich verhindert werden muss. Da kommen dann wahre Liebe und käufliche Lust ins Spiel. Mischa wäre ja schließlich nicht der erste, der sich in eine neue Existenz hineinheiraten würde. Doch wie das nicht selten so ist: Selbst zündende Ideen verpuffen gelegentlich in kläglichem Kleinmut. Ob es für das Trio so was wie ein Happy Ende gibt, bleibt lange, lange ungewiss, und damit die Spannung groß.

Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke und Christian Friedel nehmen mit dem Charme liebenswerter Käuze sofort ungemein für sich ein und ziehen das Publikum damit in ihren Bann. Optimist Wladimir, Künstlerseele Mischa und Grübler Andrej, die liebenswerteste Figur, sind ideale Protagonisten. Dank der Darsteller werden selbst auf den ersten Blick oberflächlich anmutende  Partyszenen zu durchaus differenzierten Bildern jener kurzen Zeitspanne, da nach dem Mauerfall und vor der Globalisierung und deren Folgen eine Blüte der bürgerlichen Gesellschaft in Westeuropa anzubrechen schien. Das Wissen des heutigen Zuschauers darum, dass die Unbeschwertheit rasch vergehen wird, gibt dem Geschehen das Leuchten des Besonderen, Kurzlebigen. Schade, dass sich der Autor und Regisseur Oliver Ziegenbalg nicht durchgängig auf die Wirkung des Einfangens von ungeschminkter Realität verlässt. Einiger Schnickschnack, wie etwa völlig überflüssige Zeichentrickmomente, bringen keinen Gewinn, stören nur.

Der Film hat mit der Vorlage außer dem Titel nur wenig gemein. Was ich höchst angenehm finde. Die Melange aus Witz, Kalauern, Melancholie und Rückschau auf ein Berlin, das es so nur ein paar Monate gab, ist rundum vergnüglich. Und wenn dann das Vergnügen verrauscht ist (was schnell geschieht), bleiben einem sogar ein paar Gedanken ernsthafterer Art zur Zeitgeschichte.

Peter Claus

Russendisko, von Oliver Ziegenbalg (Deutschland 2012)

Bilder: Paramount

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