Policeman (Nadav Lapid)

Der Staat Israel gehört im Kreis der westlichen Demokratien zu denen, die viele Fragen aufwerfen. Innen- und außenpolitisch fallen dort Entscheidungen, die wir Außenstehenden oft kaum begreifen, geschweige denn beurteilen können. Da fällt es schwer, eine kritische Position zu beziehen, zumal sich – das ist auch ein Erbe der grauenvollen Geschichte des vorigen Jahrhunderts – niemand dem Verdacht aussetzen möchte, ungerecht zu sein. Drum ist es natürlich besonders aufregend, einen Spielfilm zu sehen, der in Israel entstanden ist und sich wachen Blicks mit der dortigen Realität auseinandersetzt.

Zu Beginn des Films fällt auf, dass es Regisseur Nadav Lapid und sein Team offenbar als notwendig ansahen, erst einmal überdeutlich zu machen, dass sie Kinder dieses Landes sind, und dass sie dieses Land, ihre Heimat, lieben. Der Titel-„Held“, Polizist in einer Sondereinheit, radelt uns in der ersten Szene mit einer Gruppe von Kollegen, allesamt Freunde für ihn, auf einem Mountainbike entgegen. Ein Strahlemann. Yaron und seine Mannen sind jung, gut aussehend, energiegeladen. Oben auf dem Berg sind sie stolz, „im schönsten Land der Welt zu leben“. Machos? Sie wären es gern. Begrüßen sie sich, ein paar Szenen später etwa bei einer Gartenparty, klingt jeder Handschlag, jedes Schulterklopfen wie ein Pistolenschuss. Da wissen wir als Zuschauer aber längst, dass einer von ihnen wohl einen bedrohlichen Tumor hat, haben erlebt, wie sanft Yaron sein kann, wenn er sich liebevoll und zärtlich um seine schwangere Frau kümmert, wenn er seine Mutter besucht und es nicht beim flüchtigen „Hallo, wie geht’s?“ belässt. So schlicht, wie diese Momentaufnahmen aus Yarons Alltag und seinem Umfeld sind, so eindringlich sind sie: Regisseur Nadav Lapid gelingt es, uns sofort mitten ins Geschehen zu ziehen und zu Begleitern Yarons zu machen, zu Freunden fast. Doch unterschwellig werden immer wieder Momente der Irritation markiert. Da ist etwa der narzisstische Körperkult des Staatsdieners, der verstört. Mehr und mehr schleicht sich schon in den ersten zehn, zwanzig Minuten das Gefühl ein, es mit einem innerlich zerrissenen Menschen zu tun zu haben, dessen Stärke angeschafft ist, nichts als eine zerbrechliche Hülle. Man ahnt schnell, dass es zu komplizierten Entwicklungen kommt.

Yaron arbeitet in einer Anti-Terroreinheit. In seinem Job gibt es nur Schwarz- und Weiß, nur Freund und Feind. Das aber gilt immer nur für die Anderen. Er selbst und die Seinen genehmigen sich alle Freiheit, wenn es darum geht, sich durchzulavieren. Als „versehentlich“ Mitglieder einer arabischen Familie getötet werden, weiß die verschworene Gemeinschaft sehr genau, wie sie sich um die anstehenden Untersuchungen und mögliche rechtliche Verfolgung herumschummeln kann. Da ist Flucht in die Grauzonen angesagt, sozial, juristisch und psychologisch. Der Film zeigt das mit feinem Gespür für Zwischentöne. Vordergründiges Urteilen bleibt aus. Erfreulicherweise zieht sich die Regie hier nicht auf eine Position scheinbarer Objektivität zurück. Die Erzählhaltung wird durch Kameraperspektiven, den Schnitt und den Rhythmus der Szenenfolgen klar. Es stört dann zunächst erst einmal auf, dass plötzlich eine linke Terroristin, Shira, ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wird. Anarchistisch und sich offenkundig nicht um Gesetze scherend, kämpft sie mit den Ihren für soziale Gerechtigkeit. Was von den Vertretern von Recht und Ordnung selbstverständlich nicht goutiert wird. Klar also, dass es zum Contra zwischen beiden Gruppen kommen muss.

Auch Shira wird von Drehbuch und Regie klug vorgestellt. Da gibt es etwa eine Szene, in der ausgerechnet Punks als Vertreter jener Benachteiligten, für die sie kämpft, das Auto der jungen Frau in einer nächtlichen Aktion demolieren. Sie guckt fassungslos zu. Ein Nachdenken über ihre Rolle im Räderwerk des Systems aber lässt sie selbst nicht zu. Das wird mit angenehm lakonischer Filmsprache deutlich gemacht. Ein kurzes Verharren auf der jungen Frau, ohne dass etwa saucige Musik die Zuschauer zu manipulieren versucht, sagt alles.

Es ist der Krieg in den Köpfen, der zu Taten führt. Taten, die Landsleute aufeinander prallen lassen. Yaron und Shira stehen für zwei grundverschiedene Haltungen dem Leben gegenüber, Haltungen, die es nicht nur in Israel gibt, die dort aber wegen der politischen Situation besonders scharf ausgeprägt sind – und besonders scharfe Wirkung zeigen. Konservativer Nationalist und antibürgerlicher Fanatismus prallen aufeinander. Spannend ist dabei, wie verschwommen die Grenzen sind, wie ähnlich viele Vorstellungen, wie fatal in jedem Fall die Auswirkungen, da nicht gesunder Menschenverstand, sondern Beharren auf Prinzipien den Gang des Geschehens bestimmt. Auch dies: Nichts, was nur Israelis anginge!

Mutigerweise werden sämtliche Protagonisten im Verlauf der Handlung als immer komplexere und somit kompliziertere Charaktere deutlich und taugen damit immer weniger zu Sympathieträgern. Alle wollen ein besseres Israel, alle verrennen sich dabei in den Sackgassen eingefahrenen Denkens, dass keine Erkundung jenseits der betonierten Fahrbahn kennt. So schematisch die Figuren handeln, so wenig werden sie schematisch gezeigt. Nadav Lapid, der auch das Drehbuch geschrieben hat, gelingt es mit staunenswerter künstlerischer Sicherheit, beständig die Unsicherheiten hinter allem starren Verhalten zu zeigen. So werden aus (Anti-)Helden Menschen. Und wir als Zuschauer werden sanft aber beharrlich dahin geführt, das eigene Verhalten zu betrachten.

Hätte sich Hollywood der Geschichte angenommen, kämen sich Yaron und Shira garantiert ungemein nah, wenn sie nicht gar in eine Lovestory schliddern würden. Nadav Lapid hat solche Billig-Dramaturgie nicht nötig. Er belässt den Erzählsträngen ihre Autonomie. Dennoch gehören sie zusammen. Zwischen beiden lauern die Schatten des Alltags in Israel, Schatten, die es in Abstufungen allüberall gibt. Yaron und Shira gehören zu uns, die wir in der westlichen Welt leben. Und wir gehören zu ihnen. Man realisiert es mit einer Gänsehaut, mit Erschrecken und im besten Fall damit, anzufangen darüber nachzudenken, wie man in seinem eigenen kleinen Umfeld dafür sorgen kann, die Welt ein kleines bisschen menschlicher zu gestalten. Nicht nur das macht „Policeman“ zu einem der aufregendsten und wichtigsten Spielfilme des Jahres!

Peter Claus

Policeman (Ha-shoter), von Nadav Lapid (Israel 2012)

ab 25. Oktober im Kino

Bilder: GMfilms

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