Zum Weihnachtsfest kommt der von vielen heiß erwartete neue Spielfilm über Leben und Sterben des Märchenkönigs Ludwig II. (1845 bis 1886) in die Kinos. Das Drehbuch-Autoren- und Regie-Duo Peter Sehr/ Marie Noëlle hat das angeblich 16-Millionen-Euro teure Spektakel gestemmt. „Getidan“ wird zum Start berichten. Nur soviel schon jetzt: Sabin Tambrea, zuletzt am Berliner Ensemble in der empfehlenswerten Inszenierung von Horvaths „G’schichten aus dem Wiener Wald“ aufgefallen, ist ein junger Ludwig von außerordentlicher Ausstrahlung. Mehr dazu – entsprechend den Wünschen des Verleihs – erst unmittelbar zum Start des Films in einer Woche.

"Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König" (Filmgalerie 451)

„Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König“ (Filmgalerie 451)

Schon jetzt aber für alle, die gern vergleichen möchten, DVD-Tipps. Zum Kini, wie die Bayern den unter bis heute nicht wirklich geklärten Umständen zu Tode gekommenen Monarchen nennen, soll es etwa 4000 (viertausend!) Bücher geben, sind -x TV-Dokus entstanden, und auch bereits einige bemerkenswerte Spielfilme. Die zwei hierzulande bekanntesten sind bisher „Ludwig II. – Glanz und Elend eines Königs“ (1955) von Helmut Käutner und „Ludwig“ (1972) von Luchino Visconti. Der neue Spielfilm um den legendären Kini, wie ihn seine Landsleute liebevoll nennen, heißt „Ludwig II.“ Etwas weniger populär, dennoch nicht minder empfehlenswert: „Ludwig 1881“, vom Bruderpaar Fosco und Donatello Dubini 1993 herausgebracht, sowie „Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König“, 1972 von Hans-Jürgen Syberberg für das ZDF realisiert. Die vier Filme sind sämtlich auf DVD erhältlich!

Käutners und Viscontis Filme sind die wohl am leichtesten zu konsumierenden. Beide zeichnen die Lust am Fabulieren und der Mut zur Phantasie aus. Bei Käutner führte das vor knapp sechs Jahrzehnten dazu, dass Ludwig (O. W. Fischer) und Sissi (Ruht Leuwerik) eine unerfüllte Liebesgeschichte angedichtet wurde. Die damals umjubelten Schauspielstars dürfen ausgiebig schmachten. Derlei Kitsch gibt’s bei Visconti nicht. Er holte sich Helmut Berger und Romy Schneider für das Paar vor die Kamera. Sissi und Ludwig sind in diesem Film einander durch ihre Liebe zur Kunst und ihren Drang nach persönlicher Freiheit verbunden. Opern-Enthusiast Visconti setzte die Musik, Wagner vor allem, natürlich, mit großer Sensibilität ein, nutzte sie, um Akzente zu setzen, die Atmosphäre aufzubauen, Lesarten für psychische Befindlichkeiten über das Hören anzubieten. Beide Filme sind bei allem optischen Aufwand im Grunde Kammerspiele. Beide fesseln mit großartigen Darstellungen. Beide regen mit für ihre jeweilige Entstehungszeit erstaunlich vielschichtigen, dabei nie vordergründigen, Dialogen zum Nachdenken an.

„Ludwig 1881“ von den Dubinis ist weniger leicht zugänglich. Der strenge, düstere Film stellt nicht, wie die anderen, Leben und Sterben des Märchenschloss-Erbauers vor, sondern konzentriert sich auf eine Episode: Ludwig (rund zwanzig Jahren nach seinem Triumph bei Visconti noch einmal von Helmut Berger verkörpert) und der Schauspieler Josef Kainz (Max Tidof) unternehmen auf den Spuren von Schillers „Wilhelm Tell“ eine Reise ins Universum von Liebe und Hass, Sehnsucht und Enttäuschung, Verlangen und Entsagung. Der Film fasziniert insbesondere durch seinen Mut zum Weglassen. Hier ist der Zuschauer gefragt, der mit Lust das Angebotene durch den ganz individuellen Film in seinem Kopf ergänzt. Natürlich sorgt die Präsenz des sichtlich in die Jahre gekommenen Helmut Bergers, der zeigen kann, dass er ein wirklich exzellenter Charakterschauspieler ist, für zusätzliche Reize.

Syberberg interessierte sich nicht für Ludwig II. selbst, sondern für den Mythos – und für die Verstrickung dieses Mythos’ in die unselige Gedankenwelt der deutschen Faschisten des 20. Jahrhunderts. Dies ist der erste Teil einer Trilogie, zu der noch „Karl May“ und „Hitler – Ein Film aus Deutschland“ gehören. Syberberg, eher Medienkünstler denn klassischer Autorenfilmern, offeriert einen formal und inhaltlich radikalen Essay, der die Mär vom Märchenkönig als gruseligen Vorläufer des wohl düstersten Kapitels nicht nur der deutschen Historie beleuchtet. Harte Kost – aber überaus aufschlussreich. Ludwig II. taugt zu viel mehr als romantisch-sentimentalen Ausflügen ins Gestern.

Im Vorfeld des neuen Ludwig-Films sind alle vier DVD-Offerten, technisch übrigens höchst unterschiedlich in der Qualität, allein und zusammen, nur zu empfehlen. Sie spiegeln die Bandbreite dessen, was möglich ist – und steigern die Spannung auf das, was Sehr und Noëlle ab kommender Woche anbieten.

Peter Claus

„Ludwig II. – Glanz und Elend eines Königs“ (1955)
von Helmut Käutner

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„Ludwig II.“ (1972)
von Luchino Visconti

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„Ludwig 1881“ (1993)
vom Bruderpaar Fosco und Donatello Dubini

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„Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König“ (1972)
von Hans-Jürgen Syberberg

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