Inuk (Mike Magidson)

Die Auseinandersetzung mit den Konflikten, die aus dem Mit- und Gegeneinander von Tradition und Moderne erwachsen, gehört zu den Standards der Kunst, gerade auch im anspruchsvollen Kino. Wer sich nach weit mehr als einhundert Jahren Filmgeschichte damit auseinandersetzen will, muss sich schon etwas Besonderes einfallen lassen.

Der Debütspielfilm des in Kalifornien geborenen und in Frankreich lebenden Regisseurs Mike Magidson ist besonders. Magidson beleuchtet das Thema kraftvoll und berührend zugleich und originell. Er hat selbst lange in Grönland, dem Ort des Geschehens gelebt, weiß also, wovon er erzählt. Und da er den Themenkreis bereits mit einigen Dokumerfilmen beleuchtet hat, wirkt seine nun fiktionale Annäherung an die Problematik überaus realitätsbewusst.

Magidson erzählt die Geschichte eines jugendlichen Angehörigen der Volksgruppe der Inuit auf der Suche nach sich selbst. Eine Off-Stimme weist schon früh in der Erzählung auf das Wesentliche: „Was geschieht mit uns, wenn sich die Welt, die uns umgibt, langsam auflöst?“ Inuk (Gaba Petersen), die Zentralgestalt des Geschehens, lebt in genau so einer Welt. Er selbst würde die Frage wohl nie derart zugespitzt stellen. Doch sein Dasein wird davon bestimmt. Das tritt drastisch zu tage, als er von den Behörden aus dem Dunstkreis seiner alkoholkranken Mutter in ein Jugendheim in eisiger Entlegenheit, hoch im Norden, gebracht wird. Keine Hölle! Hier begegnet ihm Menschlichkeit. Da sind zum Beispiel die Heimleiterin Aviaaja (Rebekka Jørgensen) und die gleichaltrige Naja (Sara Lyberth). Beide schenken ihm Herzlichkeit, Offenheit und Vertrauen. Doch der Junge bleibt verschlossen. Er kann einfach nicht aus seiner Haut. Erst die Bekanntschaft mit dem Robbenjäger Ikuma (Ole Jørgen Hammeken), die Freundschaft der Beiden, gibt Inuk eine erste Chance, sein Leben selbst zu gestalten.

Das schön-schlichte Drehbuch, die sensible Regie und das intensive Spiels der Hauptdarsteller erschaffen ein packendes Drama fern von 08/15-Mustern. Mike Magidsons genauer Blick auf die soziale Wirklichkeit und auf die psychischen Befindlichkeiten garantiert eine kitschfreie Erzählung. Der Einsatz der Erzählstimme ist von seltener Klugheit. Sachliche Informationen sorgen für ernüchternde Akzente. Da ist zum Beispiel zu erfahren, dass die Inuit mehrere Wörter für „Eis“ benutzen. Später werden all diese Worte erkennbar als Spiegel verschiedener seelischer Verfassungen. Das ewige Weiß des Nordens zeigt von grau über blau bis violett enorm viele Variationen. Inuks Weg wird damit feinsinnig illustriert. Aber seine Geschichte erschließt sich erst im Spiegel von Ikuma. Auch er, der vor Jahren seinen Sohn verloren hat, muss einige Stufen der Selbsterkenntnis durchlaufen. Im Miteinander dieses Prozesses können die zwei Vertreter verschiedener Generationen und Lebenserwartungen einander Halt und Freundschaft geben.

Die Geschichte vom Erwachsenwerden eines jungen und eines älteren Mannes verweist übrigens auch sehr sensibel und ohne Vordergründigkeiten auf die Gefahren durch die Profitgier, denen die Robbenjagd unterworfen ist. Stichwort: Umweltverschmutzung. So, wie das hier angesprochen wird, ist das garantiert wirkungsvoller als eine Flut gewichtiger wissenschaftlicher Abhandlungen.

Die große Wirkung des Films ist selbstverständlich auch der Präsenz des jugendlichen Hauptdarstellers zu danken. Gaba Petersen war zur Zeit der Dreharbeiten 18 Jahre alt. Vieles, was Inuk erlebt, kennt er wohl aus eigener Erfahrung. Doch es bleibt nicht bei platter Selbstdarstellung. Er hat zweifellos Talent.

Zu all dem Bemerkenswerten kommt die kunstvolle aber nie kunstgewerbliche visuelle Gestaltung. Die Kameramänner Xavier Liberman und Franck Rabel zeigen die Schönheit und die Gefahren der Eiswüsten, die bedrohliche Kraft eines Schneesturms und den Zauber des Wassers voller verführerischer Kraft, verdecken jedoch nie die Geschichten der Menschen, die in dieser Welt leben. Der Soundtrack von Justin La Vallee ergänzt das perfekt. Endlich einmal ein Film, in dem nicht jede Szene mit Musiksauce zugekleistert wird, sondern in dem Musik eine ergänzende und treibende Funktion hat. Hip-Hop und alte Inuit-Lieder verdeutlichen pointiert das Zusammenspiel und Auseinanderdriften von Gestern und Heute, von Tradition und Moderne. Auch damit wird klar: diese Ballade aus einem der entlegenen Orte der Welt erzählt von Menschen und Dingen aus unserem Hier und Heute.

Peter Claus

Inuk, von Mike Magidson (Frankreich/ Dänemark 2010/ 2012)

Bilder: Neue Visionen Filmverleih

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere