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Endlich einmal wieder ein guter polnischer Film in unseren Kinos. Dieser, bereits auf einigen internationalen Festivals mit Preisen bedachte Film, führt in die frühen 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das Thema allerdings, Leben im Spannungsfeld von Glaube und Glücksanspruch, ist zeitlos aktuell.

Schlüsselfigur ist auf den ersten Blick die Novizin Anna (Agata Trzebuchowska). Sie möchte Nonne werden. In einem polnischen Kloster von barmherzigen Schwestern erzogen, sehnt sich die junge Frau nach dem Tag, an dem sie das Gelübde ablegen darf. Vorher aber steht, wir schreiben das Jahr 1962, noch ein Besuch bei ihrer Tante Wanda (Agata Kulesza) an. Von ihr erfährt Anna, dass sie in Wahrheit Ida heißt und Jüdin ist. Welche Identität ist die wahre? Ist sie Anna, ist sie Ida? Eine gemeinsame Reise mit der Tante führt nicht nur in die Geschichte der Familie und damit Europas im 20. Jahrhundert, sondern auch zu einer grundsätzlichen Frage: Steht der Glaube an Gott über dem eigenen Glück?

ida_320Auch hier: ein ästhetischer Hochgenuss. Die Schwarzweiß-Fotografie und das aus den frühen Zeiten des Kinos bekannte Bildformat 4 zu 3 geben dem Film von vornherein ein reizvolles Äußeres. Dabei sorgen die Kameraführung und die Lichtgestaltung dafür, dass aus der Kargheit des Gezeigten eine geradezu magisch-vieldeutige Atmosphäre erwächst. Eine Szene als Beispiel: Wir schauen auf die Schuhe von Tanzenden in einer Musikbar, sehen, wie sie zaghaft und zielstrebig zugleich über den streng gekachelten Fußboden gleiten, fast schwerelos und ohne Schatten. Dabei entsteht ein großer Sog, der uns das Gefühl vermittelt, für einen Moment gemeinsam mit den Protagonisten dem tristen Alltag entfliehen zu können. Spannend auch, wie Pawlikowski den von Askese geprägten Alltag im Kloster zeigt: die Stoffe der Gewänder sind grob, die Stille ist von lastender Schwere, die mittägliche Suppe fad. Doch Anna fühlt sich behütet. Was Wanda nicht nachvollziehen kann. Sie, die ihr eigenes Leben nicht zur Blüte gebracht hat, die ihre Schwester, die Mutter Idas, verlor, die in sich einen fast unschuldigen Traum vom Glück hegt, will verhindern, dass die schöne junge Frau die Chancen vertut, die sie selbst nicht wahrnehmen konnte. Doch niemand kann einem anderen Menschen die Fähigkeit zum Glücklichsein schenken. Erst recht nicht, wenn man den eigenen Glücksanspruch im anderen verwirklichen möchte.

Pawel Pawlikowski, der Regisseur, hat lange in England gearbeitet. Er ist offenbar ein Kenner des Kinos der 1950er und 60er Jahre. Dabei wirkt die visuelle Gestaltung nie aufgesetzt oder wie eine Kopie. Die strenge Form gibt der in nicht minder strengem Ton gehaltenen Erzählung eine faszinierende Grundierung. Dem kann man sich kaum entziehen. Die Erzählung spiegelt zunächst erst einmal das Trauma der Polen, nach Ende des Zweiten Weltkriegs und damit der Erniedrigung durch die Faschisten, im Stalinismus unterdrückt worden zu sein. In der Auseinandersetzung damit kommt der Figur der Tante Wanda eine besondere Rolle zu: als staatstreue Frau trug sie viele Jahre den Spitznamen „die rote Wanda“, diente sie doch als Richterin mit besonders scharfen Urteilen dem Kommunismus. Doch auch sie fiel und wurde degradiert. Alkohol, flüchtige Männerbekanntschaften und ein enormer Zigarettenkonsum bestimmen ihr Dasein im Abseits. Die Begegnung mit ihrer Nichte lässt sie sich selbst in einem anderen Licht sehen. Auch ihr bringt die Konfrontation mit der Vergangenheit einschneidende Veränderungen, nicht allein im Selbstverständnis.

Über die Figur der Wanda und ihre Handlungen, ihr Getriebensein, reflektiert der Film mit erstaunlicher Komplexität wesentliche Aspekte des polnischen Selbstverständnisses bzw. der Selbstverleugnung zwischen Katholizismus, Sozialismus und Antisemitismus. Das erschließt sich auch Kinobesuchern, die sich mit der Historie und den psycho-sozialen Gegebenheiten des Nachbarlandes noch nie befasst haben. Denn die Auseinandersetzung findet über die starke Geschichte der zwei Frauen statt. Die werden von Agata Trzebuchowska und Agata Kulesza exzellent verkörpert. Ihnen genügen minimale Gesten und knappe Dialoge, um die Sicht auf das Innere der Beiden frei zu legen. Das gibt selbst dem überraschenden Finale eine erstaunliche Logik. Wie es aussieht, sei hier natürlich nicht verraten. Nur soviel: die eineinhalb Stunden versinken nicht in einem rosaroten Happy End. Man geht mit Fragen nachhause. Etwa mit der, wie wichtig Glaube sein kann, ja, sein muss – und wann er gefährlich wird.

Peter Claus

Ida, von Pawel Pawlikowski (Polen 2013)

Bilder: Arsenal

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