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Bibel geht immer. Jedenfalls im Fernsehen. Ob alte Schinken oder – wie erst im Vorjahr in den USA – neue Nacherzählungen: im Heimkino funktioniert das prima. Doch im Kino? Ridley Scott, der ja schon mit „Gladiator“ erfolgreich Erfahrungen als Sandalenlatschfilmer gemacht hat, wagt’s und – scheitert.

Sein 3D-Spektakel entlässt einen mit dem bösen Eindruck, Zeit vergeudet zu haben, zweieinhalb Stunden verloren. Was daran liegt, dass zuviel, viel zu viel des Guten, sprich: Computertricks, offeriert wird. Die Geschichte von der Wandlung Moses’ vom Pharaonenwahlsohn zu einem ergebenen Diener Gottes ertrinkt in einer Flut von zu vielen per Bits und Bites erzeugten Specialeffekten. Landschaften, Bauten, Naturereignissen, Tiere, Schlachten im Überfluss degradieren die Menschen wie flüchtig anmutenden Statisten des Schicksals. Unentwegt gibt’s was Gigantisches zu sehen, wie Pyramiden, Nilfluten, das sich teilende rote Meer und und und. Charaktere aber tauchen nicht auf, Seelen sind nicht zu entdecken. Stars wie Christian Bale, der den Moses verkörpert, exodus_320dazu John Turturro, Ben Kingsley und Sigourney Weaver in Kurzauftritten, zeigen oft bedeutungsschwere Gesichter. Doch ist ihnen nicht vergönnt, zu zeigen, was sie denken und fühlen. So ist nicht erfahrbar, warum Moses, Ramses und all die anderen aus einer Zeit lange vor unserer Zeit noch heute zu unvergesslichen Akteuren der Weltgeschichte macht.

Ridley Scott und die Vielzahl der Drehbuchautoren erzählen, was so oder so ähnlich schon oft erzählt wurde: Moses, lebend in Glanz und Macht am Pharaonenhof, erkennt seine Zugehörigkeit zu den geschundenen hebräischen Sklaven, begehrt auf und führt schließlich sein Volk, die Israeliten, aus Ägypten ins Gelobte Land, nach Kanaan. – Reichlich Stoff für Göttliches und Menschliches. Doch der Film weidet sich allein an Äußerlichkeiten. Das Wesentliche, der Sieg schlichter Menschlichkeit gegen Unrecht und Gewalt, wird zur Nebensache. Spektakuläres wird gezeigt: die in der Bibel genannten Plagen etwa – so die Invasion der Heuschrecken, der Hagel, die Pest – werden effektvoll und reißerisch vorgeführt. Dabei wird voll auf die Pauke gehauen. Heißt es in der Heiligen Schrift, Moses habe das Wasser des Nils mit seinem Stab blutrot getränkt, sorgen im Film unzählige monströse Krokodilen für Grauen. Man wähnt sich in einem Horrorfilm. Fröhliche Weihnacht!

Immerhin gibt es eine Überraschung: Gott erscheint Moses als halbwüchsiger Knabe. So schön das ist, so deutlich zeigt es, die Krux des Unternehmens. Ridley Scott und sein Team nehmen die Bibel nicht ernst, sie glauben ihr nicht. Also deuten sie an, dass die Erscheinungen des Kindes auch Halluzinationen von Moses sein können. Wie bei den Plagen, da versucht wird, naturverbundene Erklärungen zu liefern, ist es nun bei den Gesprächen mit exodus_320_2Gott: es sieht so aus und hört sich so an, als wollten die Filmemacher sich dafür entschuldigen, Unglaubwürdiges zu erzählen. Es fehlt das Bekenntnis zur Bibel. Damit fehlt auch das Vertrauen auf Zuschauer, die für sich entscheiden können, wie sie die Geschichte werten und einordnen. Es fehlt an Emphase für Moses. Das kann nicht funktionieren. Die Bibel kann nur gut verkaufen, wer selbst an sie glaubt.

Regisseur Cecil B. DeMille glaubte das Gelesene. Sein vor 58 Jahren uraufgeführtes Moses-Epos „Die zehn Gebote“ ist drum noch heute packend. Wenn Charlton Heston bei DeMille die Leiden der Sklaven erfährt, zeigt er Moses’ Leiden daran, und dadurch wird nachvollziehbar, wieso er zum Anführer der Unterdrückten werden kann. Brennt bei DeMille der Dornbusch, dann spricht Gott. Teilt sich das Rote Meer, greift der Schöpfer in das Weltgeschehen ein. Sowas muss man nicht erklären. Tut man’s, verkleinert man die Ereignisse zu Anekdötchen.

Gibt’s Gefühl, und sei’s Kitsch? Pustekuchen! Durfte Charlton Heston einst „voll auf die Tube drücken“, vor allem im Zusammenspiel mit Yul Brynner als Ramses, muss Christian Bale klug gucken. Und er muss mit einem Partner agieren, Joel Edgerton als Ramses, dessen Charisma sehr gering ist. Da bleibt man denn auch als Zuschauer unberührt – und trabt arg gelangweilt nachhause.

Peter Claus

Exodus: Götter und Könige, von Ridley Scott (USA 2014)

Bilder: Fox