Leviathan (Andrej Swjaginzew)

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Dem Film eilt der Ruf voraus, Putin-Kritik pur zu üben. Die Tatsache, dass der Film in Russland zwar offiziell gefördert, dann jedoch massiv behindert und nur zensiert in den Kinos zugelassen wurde, stützt den Ruf. Doch damit wird der russische Spielfilm, der im Mai vorigen Jahres beim Internationalen Filmfestival in Cannes den Drehbuchpreis bekam, kleiner gemacht als er ist.

Tatsächlich geht es um Korruption, Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch a là russe. Doch den Film darauf zu beschränken, wird ihm nicht gerecht. In kunstvoller epischer Erzählweise entwirft Autor und Regisseur Andrej Swjaginzew nämlich eine Geschichte, die viel weiter leviathan_320greift, die Universelles spiegelt, die Beschränkung der Rechte des Einzelnen in jedwedem gesellschaftlichen System. Die entscheidende Frage des Films stellt sich nicht nur in Russland: Wie weit muss Anpassung gehen, um mehr als überleben zu können, um sein Leben halbwegs individuell gestalten zu können?

Leviathan ist in der jüdisch-christlichen Mythologie der Name eines Seeungeheuers, wird übersetzt als „der sich Windende“, kann hier als Synonym gelten für die Krake eines Staatsapparates, deren Arme in jeden Winkel reichen. Ausgangspunkt der Geschichte: Der korrupte Bürgermeister einer kleinen Stadt will sich das Land, den Hof und die Autowerkstatt von Kolja unter den Nagel reißen. Um jeden Preis. Kolja beginnt zu kämpfen. Doch dieser Kampf entpuppt sich rasch als einer gegen Windmühlen.

Der Film lässt sich Zeit, verharrt in vielen Milieustudien, zeigt einen trostlosen Alltag zwischen Suff und Sex und Raffgier. Der Anti-Held, Kolja, erweist sich als Verwandter der biblischen Gestalt Hiob, jener Figur, der wir den Begriff der Hiobsbotschaft verdanken. Denn eine Schreckensnachricht nach der anderen muss Kolja verdauen, muss erleben, dass sein Gottvertrauen keine paradiesischen Früchte trägt, leviathan_320_2muss auch erleben, wie Hiob, dass selbst die eigene Frau, die Gefährtin, ihm in den Rücken fällt. Es gibt viele Verweise. Dazu kommen auch solche für Kenner des russischen Films. Manche Szenen erinnern an Tarkowskij, andere an die Land-Bilderbögen von Wassili Schukschin.

Auch wer all die Verweise nicht erkennt, sieht den Film mit Gewinn. Denn der Spannungsbogen ist enorm, man wähnt sich schnell an Koljas Seite, drückt ihm, auch wenn einem klar ist, dass er verlieren muss, die Daumen. Für Kolja nimmt ein, dass er zu sich steht, zu seinen Idealen, dass er sich nicht korrumpieren lassen will, dass er ein Mensch bleiben will. Erzählt wird das nicht staubtrocken und nicht dramatisch schwer. Immer wieder blitzt Humor auf. Der allerdings ist hintergründig. Das zeigt zum Beispiel eine kleine Szene am Rande: Kolja und Kumpel machen Schießübungen. Dabei zielen sie auf ausgediente russische Politiker von Lenin bis Gorbatschow. Das ist kein Moment billiger Abrechnung mit Politikern, die versagt haben. Hier wird gesagt: lasst Euch nicht blindlings von anderen führen, mischt Euch selbst ein, bleibt mit beiden Beinen auf dem Boden, vergesst das Denken nicht. In Russland funktioniert das. Mehr als vier Millionen haben sich bereits im Internet die dort eingestellte Originalfassung des Films angesehen.

Peter Claus

Leviathan, von Andrej Swjaginzew (Russland 2014)

Bilder: Wild Bunch Germany

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