Film/ Die Maisinsel

Eine internationale Gemeinschaftsproduktion unter georgischer Führung, einer der formal ungewöhnlichsten Spielfilme der letzten Zeit. Autor und Regisseur George Ovashvili konnte auf -zig Festivals Preise einheimsen. Sein Film wurde zudem für Georgien ins „Oscar“-Rennen entsandt.

Der Film beginnt wie eine Ballade von der Kraft der Natur: die Eisschmelze lässt den georgischen Enguri-Fluss in jedem Frühjahr anschwellen. Die Strömung bringt Erde aus dem Kaukasus-Gebirge in die Ebene. Kleine Inseln bilden sich, die, jeder weiß es, im Herbst wieder verschwunden sein werden. Erst einmal aber können sie als Ackerland genutzt werden, versprechen gute Ernte. Ein alter Farmer weiß das und pflanzt Mais auf so einer Insel an. Ein Mädchen, halbwüchsig, wohl seine Enkelin, hilft ihm dabei. Eine Idylle? Mitnichten: die militärischen Auseinandersetzungen Georgiens und Abchasiens – auch nach dem so genannten Kaukasuskrieg im Jahr 2008 – wirken sich überall aus: eines Tages wird ein verwundeter Soldat angespült. Ein Mensch als Treibgut der Geschichte. Der alte Mann und das Mädchen helfen, sie pflegen den fremden Mann, verstecken ihn. Doch die Häscher lassen nicht lange auf sich warten. Was sollen die Retter tun, um nicht selbst in Gefahr zu geraten?

Manchmal wirkt der Film, der fast ohne gesprochene Worte auskommt, wie eine Meditation. Das Bild von der Insel im Strom, die scheinbar schutzlos allen Gewalten ausgesetzt ist, wird geschickt ad absurdum geführt. Denn es wird deutlich gezeigt, dass die Menschen fast immer die Möglichkeit haben, einzugreifen, sei es, um die Natur zu beherrschen, sei es, um von den Menschen heraufbeschworene Konflikte zu lösen. Der alte Mann und das Mädchen, einfache Menschen, die einfachen Regeln des menschlichen Miteinanders folgen, werden dabei zu Helden, die nichts Heldenhaftes an sich haben. Ihre Geschichte stößt kraftvoll dazu an, über grundsätzliche Fragen der menschlichen Existenz nachzudenken.

Die große Wirkung geht wesentlich von der visuellen Gestaltung aus. Dank Kameramann Elemér Ragályi wird die kleine Insel zum Schauplatz der großen Welt. Mal wirkt es, als durchschreite die Kamera das Spielfeld, mal geht sie auf Distanz, beobachtet lauernd aus der Ferne, mal umkreist sie das Eiland. Dadurch bekommt die kleine Geschichte die Kraft eines großen Epos’, mitreißend wie ein harter Western, aufwühlend wie ein Shakespeare-Drama. Liebhaber anspruchsvollen Arthouse-Kinos werden bestens bedient. Man geht mit vielen Fragen nachhause.

Peter Claus

Bilder: Neue Visionen

Die Maisinsel, von George Ovashvili   (Georgien/Deutschland/Frankreich/Tschechien/Kasachstan 2014)

 

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