Freistatt (Marc Brummund)

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„Wenn Du nicht artig bist, kommst Du ins Heim.“ – Die Älteren sicherlich noch bekannte Drohung knallt einem vom Plakat des Films entgegen. Und der zeigt, welche grausamen Folgen diese Drohung haben konnte.

Autor und Regisseur Marc Brummend erzählt in seinem Kino-Spielfilmdebüt von einer Jugend, die in West-Deutschland so selten nicht war, die es ähnlich auch in der DDR gegeben hat – von einer Jugend, die wesentlich durch eine Zeit in einem Heim für so genannte schwer erziehbare Kinder- und Jugendliche geprägt wurde. Brummond hat viel recherchiert. Eine wesentliche Quelle waren Gespräche mit Wolfgang Rosenkötter. Er war Zögling im wirklichen Freistatt in Norddeutschland. Rosenkötter, im Januar dieses Jahres 70 geworden, steht stellvertretend für viele, die, anders als er, noch immer schweigen. Er hat die Dreharbeiten im echten Freistatt begleitet. Die Hauptfigur des Films heißt denn auch Wolfgang (Louis Hofmann). Die Geschichte beginnt 1968, da ist er 14. Mutter Ingrid (Katharina Lorenz) und Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) verstehen den pubertierenden Jungen nicht. Heinz empfindet nur Ohnmacht gegenüber dem Stiefsohn, dessen Aufmüpfigkeit mehr als ausufernd ist, und schickt ihn nach Freistatt. Dort geschieht alles nach den Normen streng ausgelegten christlichen Glaubens. Das Personal ist pädagogisch nicht ausgebildet. Es beruft sich auf die Bibel und schwingt die Peitsche. Die Jungen müssen tagtäglich ins Moor, um Torf zu stechen. Sie werden wie Strafgefangene angetrieben. Der Film zeigt das lange mit ernüchternde Sachlichkeit, ohne emotional aufpeitschende Momente, wiewohl es dann einige sehr deutliche brutale Szenen gibt. Gerade deshalb kommt man dem Leiden der Protagonisten sehr nah. Louis Hofmann erweist sich in der Hauptrolle als idealer Interpret. Man ist ganz bei ihm, wenn er versucht, seine Würde zu bewahren.

Freistatt gehörte zu den von der Kirche betriebenen von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, wie der Name bis vor sechs Jahren hieß. Was im Film aber nicht zu billiger Polemik wider die Kirche an sich führt. Es geht um die Erkundung der Zeit, in der jene Menschen geprägt worden sind, die heute in Deutschland die gesellschaftlichen Entwicklungen wesentlich mitbestimmen, Menschen der Generation Merkel. Ohne Sentimentalität oder Effekthascherei wird klar, dass die Revolten Ende der 1960er und Anfang der 70er Jahre wesentlich dazu beigetragen haben, dass es Einrichtungen wie Freistatt so wie zur Zeit der Filmerzählung nicht mehr gibt. Thematisiert wird aber auch der Einfluss des Denkens der damaligen Elterngeneration, derer, die wesentlich vom Ungeist der Nazizeit geprägt worden sind. Und wir wissen es: Der Schoß ist fruchtbar noch …

2006 lenkte das Buch „Schläge im Namen des Herrn“ des Journalisten Peter Wensierski den öffentlichen Blick auf Freistatt und das System, in dem Einrichtungen wie diese existieren konnten. Die Diakonie Freistatt in Niedersachsen, ganz in der Nähe von Diepholz, wo Marc Brummond seine Kindheit verlebt hat, ist nur ein Beispiel. Dort und andernorts ging es darum, den Willen von Nichtangepassten zu brechen. Dies ging soweit, dass die Jugendlichen einander selbst gequält haben. Heutzutage wird Anpassung subtiler erreicht: Die Doktrinen des Marktes erledigen das unauffällig. Auch darüber lässt einen der Film nachdenken. Und genau das macht ihn so wichtig.

Peter Claus

Foto: Salzgeber

Freistatt, von Marc Brummund   (Deutschland 2015)

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