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Ein Vierteljahrhundert nach dem Tod von Friedrich Dürrenmatt, der hierzulande derzeit wohl vor allem durch seine Theaterstücke „Die Physiker“ und „Der Besuch der alten Dame“ noch präsent ist, eine Doku. Autorin-Regisseurin Sabine Gisiger, eine der wichtigsten Filmemacherinnen der Schweiz, spürt mit viel Delikatesse und Eleganz seiner Persönlichkeit nach. Blicke durch irgendwelche Schlüssellöcher werden nicht offeriert. Gut so. Es gibt genug Spannendes zu erfahren. Vor allem wie wichtig Lotti Dürrenmatt-Geissler bis zu ihrem Tod 1983, vier Jahrzehnte seine Partnerin, die Mutter der Kinder, für Friedrich D. war. Seine hoch betagte Schwester sowie Tochter und Sohn, auch nicht mehr jugendlich, erinnern sich, erzählen, sinnieren. Mit schöner Ruhe. Unaufgeregt. Voller Gefühl, ohne ins Gefühlige zu kippen.

Friedrich Dürrenmatt selbst, das zeigen Archivaufnahmen, war ein grandioser Inszenator seines öffentlichen Bildes. Die persönlichen Dämonen versteckte er. Gisiger weist auf sie, ohne jemals Schamgrenzen zu verletzen, auch ohne die Größe des Porträtierten anzukratzen. Im Gegenteil: Wer – von den Kennern seines Werkes – den Film sieht, bewundert den Geist dieses Mannes im Nachhinein noch mehr. Viele dürften sich durch die Doku anregen lassen, Dürrenmatt überhaupt erst einmal für sich zu entdecken. Was sich unbedingt lohnt!

Peter Claus

Bilder:

Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte, von Sabine Gisiger   (Schweiz / 2015)

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Ein getidan-Gespräch mit Autorin und Regisseurin Sabine Gisiger zu ihrem Film „Dürrenmatt – Eine Liebesgeschichte“

 

Warum 2015 ein Film über Friedrich Dürrenmatt?

Ich hatte die Idee, einen Film über ihn zu drehen, schon sehr lange mit mir herum getragen, weil ich ihn wirklich für den größten Denker halte, den wir in der Schweiz im 20. Jahrhundert hervorgebracht haben.

 

Gibt es eine persönliche Beziehung zu Dürrenmatt?

Ich bin jetzt 56 – und bin vor fünfzig Jahren auf ihn aufmerksam geworden. Dürrenmatt ist gemeinsam mit meinem Vater ins Gymnasium gegangen. Und wenn Dürrenmatt in Zürich war, etwa weil er am Schauspielhaus gearbeitet hat, dann kam er manchmal zu uns zu Besuch. Dann gab es immer viel feines Fleisch – und mein Bruder und ich haben uns nicht so wahnsinnig gefreut. weil wir wussten, dass wir nicht viel davon abkriegen werden. Meine erste Begegnung war also gar nicht so positiv. Gelesen habe ich Texte von ihm erst als wir mussten, im Gymnasium. Und da war ich dann sehr schnell sehr begeistert. Das war ja für mich eine Zeit, wie für alle Jugendlichen, des Rebellierens, des Aufbegehrens, des Zweifelns. Ich war schockiert, was Menschen anderen Menschen antun können. Und da gab es einen Erwachsenen, der klare Analysen angeboten hat. Das hat mich fasziniert und mir auch geholfen. So wurde Dürrenmatt fast ein Begleiter durch mein Leben. Oft, wenn ich nach einer Haltung suche, lese ich Dürrenmatt, nicht nur die Stücke, auch seine Reden, seine Schriften überhaupt.

 

Was heißt in diesem Fall Haltung?

Das hat verschiedene Aspekte, immer wieder andere. Was ich sehr wichtig finde, ist, dass er sagt, man kann Dinge nur dann gut beschreiben, wenn man eine gewisse Distanz behält. Das ist für mich als Filmemacherin oft wesentlich. Für ihn war das beste Mittel, um die Distanz zu halten, der Humor. Das ist eine für mich wirklich wichtige Facette. Eine andere ist das, was er „die Wurstelei des 20. Jahrhunderts“ genannt hat. Darauf bezogen hat er immer wieder gefragt, wie man da noch ein Held sein kann bzw. als Künstler Helden zeigen kann, in einer Zeit, in der niemand Verantwortung übernehmen will, wie kann man sich da als Künstler Figuren nähern, wie sie schildern. Auch das ist für mich enorm wichtig.

 

Distanz ist ein interessantes Stichwort. Wie haben Sie die während der Gespräche mit den Protagonisten ihrer Dokumentation gewahrt? Man spürt als Zuschauer, dass sie eine große emotionale Nähe aufgebaut haben. Das hätte leicht schief gehen können.

Ich baue bei all meinen Filmen eine große Nähe zu meinen Partnern auf. Anders geht das für mich nicht. Die Distanz setze ich bei der Herangehensweise an den jeweiligen Stoff ein. Peter Dürrenmatt, der Sohn, er ist jetzt 66, hat beim Drehen was Interessantes gesagt: „Er musste ein starkes familiäres Tabu brechen, nämlich das, sich außerhalb der Familie nicht zur Familie zu äußern. Ich denke, sein Motiv, jetzt zu sprechen, ist das, dass seine Mutter fast vierzig Jahre lang Friedrich Dürrenmatts wichtigstes Gegenüber war, immer vom jeweils erstes Textentwurf an, sie hat ihm geholfen, Stories und Figuren zu entwickeln, war immer da – und wird in der Öffentlichkeit so gut wie nie erwähnt.

 

Gibt es Interviewsequenzen, die nicht in den Film gekommen sind, etwa um nicht voyeuristisch zu wirken?

Ja, gibt es. Voyeurismus interessiert mich ja nicht, sowas wie eine Homestory oder so, gar nicht. Man kann doch Persönlichkeiten auch auf diskrete Weise vorstellen. Mir geht es ums Wesen, nicht um Äußerlichkeiten.

 

Gab es überraschende Entdeckungen?

Was mir vorher nicht bewusst war, wie stark Dürrenmatts persönliches Wesen in seinen Stücken umgesetzt worden ist. Da gibt es Bühnenszenen, die fast eins zu eins aus dem Familienalltag übernommen worden sind. Das fand ich schon sehr verblüffend. Ich wusste vorher auch nicht, wie intensiv Dürrenmatt seine Werke jeweils überarbeitet hat, wie lange er gefeilt hat. Da hatte er dann oft Phasen, in denen er sich unsicher fühlte, in denen er sich zurückgezogen hat. Das war für die Familie nicht immer einfach. Von der verletzlichen, der zweifelnden Seite des Mannes habe ich zum ersten Mal erfahren. Das hat mich sehr berührt. Und da bin ich sicher nicht allein. Bei seinen öffentlichen Auftritten hat er ja ein ganz anderes Bild von sich gezeichnet.

 

Wer noch nie was von Dürrenmatt gelesen hat sollte Ihrer Meinung nach womit anfangen?

Ich würde einen seiner Krimis lesen. Dies sind spannend, haben tolle Figuren, und die spiegeln sehr genau die Zwänge der bürgerlichen Welt. Man erfährt beim Lesen auch viele Anregungen, um darüber nachzudenken, was Gerechtigkeit ist – oder eben nicht ist.

 

Wir leben in politisch schwierigen Zeiten, der Rechtsruck im Denken ist in Mitteleuropa auf erschreckende Weise im Vormarsch. Lohnt es sich auch diesbezüglich, sich mit Dürrenmatts Texten zu befassen?

Absolut! Ich beziehe es jetzt mal nur auf die Schweiz, meine Heimat, wo wir ja auch diese Entwicklung haben. Dürrenmatt hat oft von dem Glück der Schweiz gesprochen, dass so viel an Leid und Elend, an Krieg, an der Schweiz vorbei gegangen ist – und dass daraus eine ständige Angst der Schweizer vor Unerwartetem lauert: „Der Schweizer ist ein vorsintflutlichen Wesen in ständiger Angst vor der Sintflut.“ Daraus resultiert in Krisenzeiten, wie jetzt, eine starke Rückwärtsgewandtheit, die Sehnsucht danach, sich abzukapseln, bloß keine Veränderungen zuzulassen. Ich spüre das gerade deutlich in der Schweiz, wohin das führt, obwohl wir in der Schweiz total im Überfluss leben. Aber der Reichtum ist ungerecht verteilt, generell. Dazu kommt, dass unser Reichtum auf dem Elend der Welt beruht. Nicht erst heutzutage. Dürrenmatt hat sich damit sehr auseinandergesetzt und gewusst, dass das nicht gut gehen kann, und er hat deutlich gesagt, dass Freiheit nicht darauf fußen kann, dass viele ungerecht behandelt werden, unfrei leben müssen. Er hat ein Umdenken eingefordert. Und wir sind an einem Punkt, der das Umdenken dringend erfordert. Da sind wir Dürrenmatt ganz nah – er ist uns nah. Was erschreckend ist.

 

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