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Die Traumfabrik setzt gern auf Wirklichkeit: „Based on a true Story“. Der neue Spielfilm des britischen Regisseurs Danny Boyle, der 2009 den Oscar für „Slumdog Millionär“ bekam, zeigt nun, dass es, Tatsachen hin oder her, immer gut ist fürs Kino, wenn der Phantasie Spielraum gelassen wird.

Schon einige Dokumentar- und Spielfilme haben Leben und Werk des US-amerikanischen Unternehmers Steve Jobs (1955 bis 2011) beleuchtet. Die Legenden um die Vaterfigur des Apple-Konzerns wurden eifrig gestrickt. Boyle stößt die charismatische Figur nicht vom Sockel. Doch künstlerisch geschickt und vor allem mit großer Spannung wird das Bild einer Persönlichkeit gezeichnet, deren Charakter bei allem Schillern auch viele, sehr viele düstere Schatten geworfen hat. Dabei werden die dunklen Seiten nicht grell beleuchtet. Der Film versucht ein facettenreiches Bild zu malen. Das gelingt mit Erfolg. Und es ist so klug gemacht, dass das Porträt der Schlüsselfigur aus dem kalifornischen Silicon Valley als archetypisch deutlich wird: Steve Jobs vertritt mit all seinem Für und Wider das Bild des kühlen Visionärs, der es versteht seinen Traum von nahezu unendlicher Profitmaximierung zu verwirklichen. Wofür er mit der wertvollsten aller Währungen zahlt: mit seiner Menschlichkeit. Jobs, so wird deutlich, war nichts anderes als ein perfekt arbeitender Computer.

Und Steve Jobs war ein besessener Verkäufer. Handeln war für ihn Showgeschäft. Immer wieder inszenierte er enorme Events zur Produktpräsentation. Dabei trat er stets in Jeans und Rollkragenpulli auf und stilisierte sich selbst als Popstar mit dem denkbar schlichtesten Outfit. Drei seiner Bühnenshows werden im Film gezeigt – mit dem Blick hinter die Kulissen. Die Vorstellung des Macintosh 1984, des NeXT-Computers 1988 und des iMac 1998 zeigen Steve Jobs als Berserker. Der deutsche Kameramann Alwin H. Küchler, der nicht zum ersten Mal mit Danny Boyle gearbeitet hat, visualisiert die Zeitsprünge durch den Einsatz unterschiedlicher Technik von grobkörnigem 16-mm-Material, über sattes 35 mm bis zu hochglänzendem HD. Damit wird subtil Jobs Erscheinung – vom Außenseiter über den etablierten Geschäftsmann zum Star der Szene – deutlich.

Michael Fassbender, der Steve Jobs nicht ein bisschen ähnlich sieht, zeigt ihn als Egomanen, der jeden wegbeißt, der ihm nicht willfährig dient. Bis auf eine Ausnahme: seine Assistentin und Marketing-Managerin Joanna Hoffman. Die liefern sich einen verbalen Schlagabtausch, der sich gewaschen haben. Kate Winslet als Joanna gelingt dabei das überaus aufregende Porträt einer Frau, die ihre überragende Intelligenz ganz in den Dienst ihres Chefs stellt, sich selbst dabei aber nicht demontieren lässt. Oft sieht es so aus, als wäre nicht sie sein Werkzeug, sondern er ihres. Winslet, 2009 für ihre Leistung in „Der Vorleser“ mit dem Oscar ausgezeichnet, hat sich mit ihrer Darstellung durchaus Chancen als eine der Anwärterinnen für die Vergabe des nächsten Preises erarbeitet. Das Mit-und Gegeneinander von Jobs und Hoffman ist verbürgt und wird auch in dem Buch „Steve Jobs“, der autorisierten Biografie von Walter Isaacson, auf dem das Drehbuch zum Film fußt, thematisiert. Doch hier, so scheint es, haben sich Boyle und sein Drehbuchautor Aaron Sorkin die größtmögliche Freiheit zur Entfaltung der Phantasie genommen. Gut so. Die Dialogschlachten des Duos weisen nämlich weit über den Einzelfall hinaus und werfen ein Schlaglicht auf die geistige und insbesondere emotionale Armut erfolgreicher Wirtschaftskarrieren. Diesbezüglich hätte es der gelegentlich kitschigen Einschübe um den Kampf von Steve Jobs‘ Tochter Lisa und deren Mutter zur Anerkennung der Vaterschaft durch den Industriehai gar nicht gebraucht. Hingegen sind die Verweise auf andere Figuren, deren Leistungen Jobs gnaden- und gewissenlos als seine ausgegeben hat, unsentimental und deshalb sehr wirkungsvoll.

Man kann bemängeln, dass der Film die aktuelle Diskussion um die Gefährlichkeit des world wide wib als Plattform reaktionären Gedankenguts und als riesige Überwachungsmaschinerie ausklammert. Ein intelligentes Publikum denkt das aber mit. Und an ein solches wendet sich der Film. Für Filmfans, die nichts als pure Unterhaltung suchen, ist das eher nichts.

Peter Claus

Bilder: Universal

Steve Jobs, von Danny Boyle (USA 2015)

 

 

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