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Im Kommerzkino gelten Kinder und Tiere als Garanten für gute Umsätze. Diese Paarung steht für sentimentale Schmachtfetzen von großer Breitenwirksamkeit. In diesem Spielfilm des in Deutschland lebenden türkischen Regisseurs Kaan Müjdeci stehen ein elfjähriger Junge und ein Hund im Zentrum. Doch mit kassenträchtigem Kitsch hat das nichts zu tun.

Die Story des Films, der in Deutschland in der Originalfassung mit Untertiteln läuft, ist überschaubar: Aslan (Dogan Izci), elf Jahre jung, lebt mit seiner Familie in einem Dorf in Anatolien. Der Junge ist in die Nachbartochter Ayse (Ezgi Ergin) verliebt. Er hofft, ihr endlich ganz nah kommen zu können, wenn er in einer Theateraufführung an der Schule den Prinzen spielen darf. Doch die Rolle geht an den Sohn des mächtigen Dorfvorstehers. Um seinen Kummer zu vergessen, stürzt Aslan sich als Zuschauer in die Welt illegaler Hundekämpfe. Liebevoll pflegt er ein verletztes Tier zunächst gesund, dann gewinnt er mit dem Hund, den er Sivas nennt, einen Kampf nach dem anderen. Damit steigt sein Ansehen in der Dorfgemeinschaft enorm. Doch Aslan liebt das Tier. Er will es behüten. Plötzlich ist er isoliert, ein Außenseiter, dem von allen Seiten Verachtung entgegen schlägt. Bald steht er vor der Frage, ob er kuscht und sich einordnet, um in der Gemeinschaft anerkannt zu werden, oder ob er sich selbst treu bleibt.

Kaan Müjdeci ist ein kluger Erzähler. Er setzt auf Nuancen, Zwischentöne, Beobachtungen. Die Dorfgemeinschaft mit ihren diversen sozialen Abstufungen wird dabei sehr genau erkennbar. Wenn Aslan, der Sohn einer der armen Familien, bei der Vergabe der Rollen für die Schulaufführung von „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ vom Lehrer benachteiligt wird, ist klar, wie die Hackordnung ist. Wenn der Junge dann mit dem Vater (Hasan Yazilitas) und dem schon längst erwachsenen Bruder Sahin (Ozan Celik) zu einem Hundekampf geht, gibt es auch keinen Zweifel daran, dass die Drei hinten weit unten in der Rangordnung angesiedelt sind. Ehre und finanzieller Gewinn handeln und verteilen andere. Doch das Sozialpanorama wird nicht grob und übermächtig präsentiert. Der Film konzentriert sich auf den Jungen, der einen schwer verletzten Hund nicht sterben lässt. Und der in emotionale Bedrängnis gerät, als er begreift, dass alle plötzliche Zuneigung, die ihm entgegen schlägt, nichts mit Menschlichkeit zu tun hat, sondern nur mit Raffgier. Denn das Tier erweist sich als starker Kampfhund. Was bei illegalen Wettkämpfen viel Geld bedeuten kann. Es wird spannend, wenn die Frage im Raum steht, ob Aslan den geltenden Regeln und damit dem Streben nach finanziellem Gewinn folgt.

Kaan Müjdeci hat vor drei Jahren bereits eine Dokumentation über Hundekämpfe in Anatolien realisiert. Er kennt sich aus. Die Hundekampfszenen im Film sind dementsprechend realistisch und damit brutal. Aber sie sind so gefilmt, dass keine Lust an Gewalt aufkommt. Die Kämpfe werden zu Spiegeln der brachialen Gesellschaft. Dabei zahlt sich der Einsatz einer Handkamera aus. Mit ihr kommt der Zuschauer nah an den jungen Aslan und an dessen Sichtweise. Das Publikum begleitet den Jungen durchs Dorf, schaut ihm über die Schulter, nimmt das Schroffe der Landschaft wahr. Dabei dringt die Kälte eines Lebens, das oft Überleben heißt, ins Bewusstsein des Publikums. Die deutliche emotionalen Kälte lässt einen frösteln. Kämpft der Junge dann um seine Würde, indem er dem Hund ein friedvolles Dasein geben möchte, hat das nichts von „Lassie“-Harmonie. In den Bildern lauert eine Bedrohung, so dass man Angst um den Hund und den Jungen hat.

Eine erste Ehrung bekam der Film, ein Spielfilmdebüt(!), als die Auswahlkommission des Internationalen Filmfestivals Venedig ihn im Vorjahr in den offiziellen Wettbewerb geholt hat. Und dann bekam er gar den Spezialpreis der Jury. Die Türkei hat den Film inzwischen ins Rennen um den Auslands-„Oscar“ 2016 geschickt. Die Qualität, die alle Ehren rechtfertigt: mit einer scheinbar simplen Geschichte wird tatsächlich eine höchst komplizierte Realität gespiegelt. Ohne erhobenen Zeigefinger wird auf Missstände in einer Gesellschaft verwiesen, in der Männer uneingeschränkt das Sagen haben, und dabei jedwede Gewalt ganz selbstverständlich einsetzen. Wenn die muskelbepackten Hunde aufeinander losgehen glänzen die Gesichter der Männer vor Wonne. Da braucht es keine überdeutlichen Dialoge, keine dramatischen Szenen, um zu zeigen, in welch eine Welt ein Junge wie Aslan hinein wächst, und wie schwer es ist, entgegen den starren Regeln dieser Welt zu leben. Im Reigen der vielen Filme zum Thema Erwachsenwerden gehört dieser Film zu den besten.

Peter Claus

Bilder: coloured giraffes

Sivas, von Kaan Müjdeci  (Türkei 2014)

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